Roche, Jörg: Fremdsprachenerwerb Fremdsprachendidaktik. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag GmbH+Co.KG, 2008. ISBN 978-3-8252-2691-6. 286 Seiten.
Das in der UTB basics-Reihe erschienene Buch von Jörg Roche, Professor für Deutsch als Fremdsprache, mit dem Titel Fremdsprachenerwerb-Fremdsprachendidaktik befasst sich zum einen mit den neuesten Erkenntnissen aus der Fremdsprachenerwerbsforschung und der Spracherwerbsforschung und zum andern mit der Fremdsprachendidaktik. Das Buch richtet sich an alle diejenigen, die sich aus "privatem, beruflichem oder öffentlichem Interesse" (S.7) mit der genannten Thematik beschäftigen. Da es sich um eine Einführung handelt, werden einzelne Themen angerissen, jedoch nicht wissenschaftlich vertieft. Für diejenigen, die sich tiefer mit der Materie beschäftigen möchten, stehen Literaturhinweise zur Verfügung. Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt. Am Anfang jedes Kapitels steht eine Zusammenfassung, die dem Leser eine hilfreiche Übersicht über die kommenden Themen gibt. An den Kapitelenden sind die weiterführenden Literaturhinweise zur Vertiefung und Übungsaufgaben zur Wissenskontrolle zu finden. In den Kapiteln erscheinen immer wieder Übersichten, Beispiele etc., die mit einem blauen Rahmen vom Text abgetrennt werden. Zur Übersichtlichkeit werden am Textrand, die im Fließtext erläuterten Themen, genannt. Im Bereich der Fremdsprachendidaktik liegt der Anspruch des Buches darin, dass "didaktische Leitlinien und methodische Verfahren" so präsentiert werden, dass "sie sich mit der Lehr- und Lernerfahrung der Leserinnen und Leser verknüpfen lassen und unmittelbare Umsetzbarkeit gewährleisten" (S.7).
Im ersten Kapitel werden die bekanntesten Methoden des Fremdsprachenunterrichts (Grammatik-Übersetzungsmethode, Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus, moderater Konstruktivismus) erläutert. Der Leser erhält einen kurzen und guten Überblick über die Methoden und Verfahren und kann deren Entwicklung nachvollziehen. In den folgenden Kapiteln werden Aspekte bezüglich Lernervariablen, Lernuniversalien, Fremdsprachenerwerb und Sprache behandelt. Zu den Lernervariablen werden Personenmerkmale, Lerntraditionen, Lernertypen, das Alter, das Geschlecht und die Sprachanlage gezählt. Hier bekommt der Leser zum einen die Möglichkeit seine eigenen Lernervariablen zu reflektieren, jedoch auch sensibilisiert zu werden bezüglich der Variablen, die Lerner mit sich bringen können. Kapitel drei umfasst die Lernuniversalien, die sich auf physiologische Prozesse beziehen. Das Gehirn mit seinen Funktionen und Aufgaben im Lernprozess wird ausführlich erläutert. Des Weiteren wird ein Modell aus der Psycholinguistik zur Sprachverarbeitung vorgestellt. Am Ende des Kapitels sind Beispiele zur Wortschatzvermittlung im Fremdsprachenunterricht zu finden und der Praxisbezug wird hergestellt. Das vierte Kapitel mit dem Titel "Fremdsprachenerwerb" beschäftigt sich mit den Grundlagen der Fremdsprachenerwerbsforschung. Hier werden die wichtigsten Hypothesen zum Spracherwerb erläutert und in diesem Zusammenhang die kindliche Sprachentwicklung aufgeführt. Anhand von transkribierten Gesprächen (von erwachsenen Ausländern) wird gezeigt wie die Entwicklung des Spracherwerbs fortschreitet. Es wird deutlich, dass nicht allein der Lerner den Erwerb der Fremdsprache bestimmt, sondern dass die Umgebung und seine Mitmenschen einen Einfluss darauf nehmen. Anpassung, Vereinfachung und Aushandeln spielen in der verbalen Kommunikation eine wichtige Rolle. Hier besteht die Möglichkeit zu reflektieren wie man als Muttersprachler auf Lerner der Sprache reagiert und welche Bedeutung die Reaktion für die Lerner hat.
Das Kapitel sechs mit dem Titel "Sprache" behandelt die unterschiedlichen Aspekte, mit denen man Sprache beschreiben kann. In diesem Kapitel werden unterschiedliche Formen der Grammatiken erläutert, insbesondere wird auf die Valenz- und Schulgrammatik eingegangen. Bezüglich der Valenzgrammatik, die heutzutage häufig im Fremdsprachenunterricht angewendet wird, wird die Terminologie kritisiert, die nicht vereinfachende, sondern erschwerende Wirkung beim Erlernen der Grammatik hat. "Begriffe wie Nominativergänzung (statt Subjekt) oder obligatorische Akkusativergänzung (statt direktes Objekt) und Ähnliches sind für Lerner schwer nachvollziehbar und kaum zu behalten, zumal für
Einsteiger" (S. 158). Dieser Kritik kann ich mich anschließen, denn hier treten selbst für Muttersprachler Schwierigkeiten bezüglich der Begrifflichkeiten auf.
Des Weiteren wird auf die Textlinguistik eingegangen. An dieser Stelle wird erläutert was einen Text ausmacht (Kohäsion/Kohärenz) und wie er entsteht. Für den Fremdsprachenunterricht wird der Hypertext vorgestellt. Dieses Mittel ist ein elektronisches Mittel, das Entstehens- und Verstehensprozess eines Textes verdeutlichen soll. Hier und auch zu weiteren Kapiteln, die sich mit elektronischen Medien und ihren Mitteln für den Fremdsprachenunterricht befassen, ist anzumerken, dass die neuen Medien nicht überall einsetzbar und vorhanden sind. Dementsprechend wären Angaben zu nichttechnischen Alternativen ergänzend hilfreich. Insbesondere im Falle der Textproduktion, die zu den Fertigkeiten (Schreiben) beim Fremdsprachenlernen gehört und vielen Lernern Schwierigkeiten bereitet. Der Autor befasst sich in dem Buch aus meiner Sicht sehr viel mit elektronischen Medien, was wahrscheinlich daher rührt, dass er Leiter des Multimedia Forschungs- und Entwicklungslabors für Deutsch als Fremdsprache in München und Direktor der Deutsch-Uni Online ist. Kapitel sechs beschäftigt sich mit Lehr- und Lernzielen, Kompetenzen und Standards. Lehrziele werden in Richt-, Grob- und Feinlehrziele untergliedert. Im Fremdsprachenunterricht spielt der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen (GER) als Lehrzielbestimmung mit seinen Kann-Beschreibungen eine bedeutende Rolle. Jedoch wird hierbei kritisiert, dass der GER sich nicht an den neuesten Erkenntnissen der Spracherwerbsforschung orientiert. Exemplarisch für einen Lehrplan wird der "Lehrplan für Deutsch als Zweitsprache (2002)" (S.188) aufgeführt. Dieser stellt Handlungskompetenz und interkulturelle Kompetenz in den Mittelpunkt. Entsprechend dieser Kompetenzen ist der Lehrplan konzipiert. Voraussetzung zum Erreichen der Lehrziele ist das aktive Lernen der Lerner. Im weitern Verlauf des Kapitels geht der Autor auf die vier Fertigkeiten ein: Leseverstehen, Hörverstehen, Schreiben und Sprechen. Zu den einzelnen Fertigkeiten werden hilfreiche Anleitungen zum Vorgehen im Fremdsprachenunterricht gegeben. Zu bemerken ist, dass wiederum vorwiegend elektronische Medien ihren Einsatz finden. Um einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht zu gewährleisten, müssen Lehrpersonen ihre Methoden den Lehrzielen anpassen, der Unterricht muss handlungsbezogen sein und die Qualität muss überprüft werden (Qualitätsmanagement). Auf Seite 217 ist eine Liste mit Lehrqualifikationen aufgeführt, die das Profil einer professionellen Sprachlehrerin ausmachen. Im siebten Kapitel, in dem es um die interkulturelle Sprachdidaktik als neue "Didaktikgeneration" (S.225) geht, steht der Lerner mit seiner fremden Perspektive im Mittelpunkt. Die Fremdheit beeinflusst auf allen sprachlichen Ebenen die Kommunikation, so dass der kulturelle Einfluss in allen seinen Facetten nicht außer acht gelassen werden darf. In diesem Kapitel wird verdeutlicht, dass das Wissen über fremde Kulturen jedoch nicht ausreicht. Das Wissen entsteht häufig durch Stereotype und Klischees und berücksichtigt nicht die Individuen. Im Fremdsprachenunterricht soll es dementsprechend nicht um die Wissensvermittlung von Fremdheit gehen, sondern um die Sensibilisierung für die Fremdheit. Dieser Aspekt ist außerordentlich wichtig, um der interkulturellen Sprachdidaktik gerecht zu werden. Bedeutung kommt dabei auch dem Landeskundeunterricht zu, jedoch nicht wie er traditionell in der Schule vermittelt wird ("Kulturkunde"), sondern als "kommunikativer Landeskundeunterricht" ("Alltagskultur") (S.238).
Im vorletzten Kapitel geht es um die schon erwähnten technischen Medien. Es werden unterschiedliche Möglichkeiten des Einsatzes von Selbstlernprogrammen bis hin zum virtuellen Klassenzimmer und dem Wechsel zwischen Online- und Präsenzphasen vorgestellt. Gewiss bieten diese Medien neue Möglichkeiten des Sprachenlernens. Der Autor spricht die Vorteile Individualisierung und Intensivierung des Lernens und die Steigerung der Interaktivität an. Es wird jedoch kritisch angemerkt, dass technischen Medien zu Kommunikationsfehlern führen können, denn auch diese weisen kulturelle Differenzen auf. Außerdem können Medien die Kommunikation von Mensch zu Mensch, wie sie zum Beispiel im Unterricht sattfindet, nicht ersetzen. Im neunten Kapitel, dem letzten Kapitel, befindet sich der Anhang mit den Lösungen zu den Übungsaufgaben, dem Register und dem Abbildungs- und Quellenverzeichnis.
Das Buch bietet einen guten und facettenreichen Überblick über die Themen des Fremdsprachenerwerbs. Auch der Bezug zur Praxis und die konkreten Beispiele leisten einen wertvollen Beitrag. Manche Themen, z. B. die Funktionen des Gehirns, das sehr komplexe Modell aus der Psycholinguistik zur Sprachverarbeitung, die mit vielen Kernbegriffen und komplexen Informationen bestückt sind, könnten zur Vereinfachung der Materie kürzer gefasst werden.
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