SPOILERWARNUNG
Man soll jedem eine zweite Chance geben.
Die einsamen Schrecken der Liebe von James Meek konnte mich nicht begeistern, sein neues Buch aber ist hervorragend! Waren es beim letzten Mal die Abgründe der menschlichen Seele (Kannibalismus inklusive) im Russland nach dem ersten Weltkrieg, so handelt Fremdland, oder wie es im Original heißt "We are now beginning our descent" (auf Deutsch: wir beginnen nun mit dem Landeanflug) von den Lebenslügen und Krisen des männlichen Protagonisten im Hier und Heute.
Hauptfigur ist der Reporter und Möchte-gern-Schriftsteller Adam Kellas, 37 Jahre alt, geprägt von einer voreiligen Ehe mit Fiona. Nicht nur, dass die Realität in Form von vier naiven Idealisten seine Idee für einen spektakulären Thriller zerstört, einige Tage später trennt sich auch die Frau von ihm, mit der er seit sechs Monaten schlief, indem sie die Taten der fanatisch religiösen Selbstmordattentäter als Vorwand benutzt. Stundenlang liegt er auf dem Sofa, "zappte im Zwei-Sekunden-Takt durch die Fernsehsender und bestellte sich beim Lieferservice Chicken Korma und Pizza Calzone." Eine erste Bitte nach Afghanistan zu reisen, um von dort aus zu berichten, lehnt er ab, nur um später seine Meinung zu ändern. Mit reichlich emotionalem Gepäck beladen reist Adam also in das Land am Hindukusch. Dort trifft er auf eine amerikanische Kollegin, Astrid, eine Frau, die manchmal aufgekratzt und überdreht, dann wieder ruhig und überlegt wirkt, und die ebenfalls viel Emotionales aus der Vergangenheit mit sich schleppt. Sie passt nicht in die Schablonen seiner früheren Beziehungen. Die Beiden erleben eine heftige Affäre, welche jedoch jäh endet.
Er findet sie wieder - am Ende der Welt. Das Ende dieses Buches ist jedoch nichts für Romantiker. Den Schlüssel zum Glück findet Adam nicht in der Liebe. Seine zweite Chance liegt in einer anderen, wahren Herausforderung, welcher wird nicht verraten. Übrigens, der englische Titel gibt meiner Meinung nach diese Entwicklung besser wieder als der Deutsche. Er - der englische Titel - ist ein Zitat aus dem Text. Sie finden es auf S. 188, nach einem Telefonat von Adam mit seiner Mutter während einer militärischen Schießübung. Der Kriegsreporter wollte seiner Kollegin zeigen lassen wie ein Panzergeschützt funktioniert. Als Adam den Kommandanten um Einstellung bittet ist es zu spät. Dieser feuert auf einen vermeintlichen Taliban-Laster, irgendwelche Leute, arme Leute kommen grausam ums Leben. "Das waren Feinde von Amerika und Großbritannien. Sie haben den Tod verdient. Ausserdem werden hier dauernd Männer getötet. Was würdest du tun, wenn du ihre Frauen und Kinder finden würdest? Was würdest du ihnen sagen? Würdest du ihnen Geld geben?" (S.213)
Erst nach und nach wird das wahre Geschehen in Rückblicken aufgedeckt. Ebenso wie man in Rückblicken aus Adams Leben erfährt. Nicht immer einfach zu durchschauen, aber spannend zu lesen. Adam scheint sich in einem Labyrinth zu befinden, aus dem es kein Entkommen gibt. Oder doch? Wenn Adam versucht, den Kommandanten vom Schießen abzubringen, so zeigt sich auch eine träumerische Seite. Er, der normalerweise neutral beobachtet, greift aktiv in das Geschehen ein.
So nebenbei erwähnt Meek im Übrigen einen anderen Reporter - ein Spanier. Ein Symbol für Genialität und Selbstlosigkeit. Er richtet sich mitten in Afghanistan ein gemütliches Wohnzimmer ein. Wenn die Journalisten normalerweise durch ihre Kleidung suggerieren, dass sie auf der Durchreise sind, so ist dieser Spanier das Gegenteil. Es wäre ein Leichtes die Daheimgebliebenen mit Geschichten von Taliban, von Minen und Granaten zu beeindrucken. Es würde aber niemand in Spanien beeindrucken, dass er sich in Afghanistan ein gemütliches Wohnzimmer eingerichtet hat. Und genau deswegen war dies die größere Leistung, eine große Geste die bürgerliche Welt in dieses kriegsgeprägte Land zu bringen.
Mein Fazit: ein großartiges Buch über die Schrecken der Realität, die innere Zerrissenheit der Handelnden, die äußeren Bedrohungen im krisengeschüttelten Afghanistan. Wer sich für komplexe männliche Charaktere interessiert, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen. Für Romantiker aber wie gesagt absolut ungeeignet.