Voller Spannung habe ich mich auf diese Lektüre gefreut. Denn im Vorfeld wurde das Buch in den Zeitschriften „up-town" und anderen als sehr interessantes Buch beschrieben. Es versprach mit einer Studie neue Lebens- und Liebesformen aufzudecken. Also ein Buch, dass einem den Horizont im schwulen Leben und Lieben öffnen - zumindest erweitern - sollte, und dies sogar wissenschaftlich gestützt. Das macht doch neugierig, oder etwa nicht?
Was ich allerdings zu lesen bekam war alles in allem sehr unerfreulich!
Es gab keine neuen Lebens- geschweigedenn Liebesformen zu lesen sondern eine Aneinanderreihung einzelner Kleingeschichten, die jeder von uns an einem Wochenende in einer Kneipe von Köln zu beobachten vermag oder selbst in irgendeiner Form bereits erlebt hat. Literarisch äusserst unwichtig!
20 kleine Statement-Geschichten sollten mir also die Sicht und Toleranz für das Thema Fremdgehen näher bringen. Von wissenschaftlicher Basis keine Spur!
Ich las von Anfang 20-jährigen, die mit Sexpraktiken ihr tristes Beziehungsleben aufzupeppen versuchten, las von Mittdreißigern, die sich glückliche Drittpartner in Thailand hielten (ist das nicht Zuhälterei?) oder bekam die Sichtweise von Männern erzählt, für die Sex etwas ist, das gänzlich von Beziehungen abzukoppeln sei.
Besonders erwähnens-unwert ist die Geschichte eines jungen Mannes, der öfters Sex ausserhalb der Beziehung hat, als mit seinem eigentlichen Freund (den er allerdings über alles liebt). Der ahnungslose Partner bringe es im Bett nicht, er sähe nicht gut aus und wäre eigentlich auch gar nicht sein Typ, daher die hohe Fremdgeh-Quote. Warum sind die beiden dann zusammen, frage ich mich!
Für alle diejenigen, die ihren Sprachschatz auf dem Gebiet Dirty-Talking verbessern möchten ist auch gesorgt. Ungeniert werden für das männliche Geschlechtsorgan ca. 7 verschiedene Begriffe verwendet, 12 verschiede Sexpraktiken beschrieben und mindestens 3 Erlebnisse erzählt, bei denen es heiss her ging. Die Geschichte ähnelte mehr einem Bericht aus einer Pornozeitschrift, die nicht genug Geld zu Verfügung hat um Bilder zu drucken!
Aber auch die Doppelmoral ist unterwegs.
Was man da tue, sei ja gar nicht so schlimm für den Partner. Und wenn doch, dann solle der doch sehen, wo der Pfeffer wächst. Denn man würde ihn zwar lieben, aber dies bedeute noch lange nicht, dass man Kompromisse eingeht. Für eine Beziehung doch nicht, wo kämen wir da hin?
Wer schon immer einmal wissen wollte, wie es ist, sich in Thailand einen sog. Moneyboy (Stricher) zu angeln, wird hier genügend informiert. Natürlich erweisen die Jungs ihre Dienste dann besonders günstig, wenn sie der Meinung sind, man würde mit ihnen eine westliche Beziehung führen. Schnell weiterlesen, vielleicht wird die nächste Geschichte nicht ganz so intrigant!
Als Leser mit einer bestimmten Erwartungshaltung hatte ich mich bereits nach den ersten 45 Seiten von der Hoffnung verabschiedet tatsächlich noch etwas über neue Lebensweisen der Homosexuellen zu erfahren.
Viele der Geschichten waren weder unterhaltsam noch besonders hervorragend geschrieben. Sie trugen ihr Thema eher gelangweilt vor und man musste sich wirklich durch alle Geschichten hindurchquälen. Die Lust auf das Thema war bereits im Keim erstickt worden.
Besonders traurig sind meines Erachtens die Geschichten aus dem Potpourri zu erwähnen, bei denen bereits der nicht psychologisch-geschulte Leser herauslesen kann, dass dort Menschen berichten, die ein verzweifeltes Beziehungsleben führen und sich im tiefsten Herzen Befreiung von ihrem Fremdgehen wünschen.
So auch die Geschichte eines 30-jährigen, der in eine schwere Abhängigkeit zu seinem Lover gefallen ist, dass man den psychologischen Notdienst verständigen sollte anstatt seine Geschichte in einem Buch zu veröffentlichen.
Nun sollte man noch mal sein Augenmerk auf den Hintergrund dieses Buches eingehen.
Fremdgehen soll - nach Meinung der Autoren und Co-Autoren - ein wichtiger Bestandteil des Beziehungsrezeptes sein. Ohne offene Partnerschaften ließe sich eine Beziehung kaum halten, wäre jede Partnerschaft zum Scheitern verurteilt.
Auweia kann ich da nur sagen!
Gute 60 Seiten vor dem Ende des Buches kommt dann doch der wissenschaftliche Teil. Eine verqueerte Studie zeigt einem auf knapp 10 Seiten pseudo-statistische Kennwerte, die die Fremdgehen-Theorie deutlich stützen sollten. Gefolgt von halbwegs interessantem Paarberatungsinterview und Promi-Statements (leider aus verschiedenen Quellen zusammengetragen) und dem unglaublich „hilfreichen" Tipps zum Fremdgehen, sowohl via Internet, Film und Buch als auch in großen deutschen Städten.
Besonderes Highlight ist der Selbsttest zur Einstellungsmessung der eigenen Fremdgehbefindlichkeit. Aus welchem Anlass diese Fragen zusammengeschustert sind und wie man durch die Beantwortung auf die drei Kategorien von Fremdgehtypen kommen möchte, lässt sich hier nur vermuten.
Resümee: verschiedene Menschen leben verschiedene Beziehungsformen. Einige gehen fremd, andere leben monogam, wieder andere holen sich Abwechslung zu dritt ins Bett. Jeder nach seiner Art. Das war uns Lesern aber bereits vor diesem Buch klar. Nichts anderes erlebt jeder Schwule im Laufe seines Lebens. Und jeder hat seine Erfahrungen mit dem Fremdgehen oder dem Betrügen oder dem Abenteuer gemacht. Dazu hätten wir uns nicht durch knapp 300 Seiten langweiliger Geschichten kämpfen müssen, die oft pornografische Züge annehmen oder uns von bezahlten Strichern erzählen, die in Bankok oder sonstwo zu kaufen sind. Insgesamt ist es eher traurig, dass sich ganze Autorenteams mit so einer Veröffentlichung beschäftigen, anstatt ihr Thema vernünftig darzustellen. Lernen von neuen Formen in der Liebe oder dem schwulen Leben kann man aus dieser dürftigen Lektüre leider nichts. Schade! Anregungen sollte man sich daher - wenn man denn an der Beziehungsverbesserung interessiert ist - in anderen Büchern holen, die bereits auf dem Markt sind.