Es gibt in jedem Genre so ein paar Werke, welche man zum Kanon rechnen darf - eben Bücher, die stilprägend waren und echte Meilensteine dieser Gattung darstellen.
"FREMDER IN EINER FREMDEN WELT" ist meiner Ansicht nach so ein Buch, und ein SF-Fan sollte diesem Buch meiner Ansicht nach zumindest eine Chance geben. Hierbei schreibe ich ganz bewust "eine Chance geben"... da FREMDER IN EINER FREMDEN WELT sicherlich nicht jedermanns Sache ist. Das Buch ist unbequem, manchmal anstrengend und in jeder Hinsicht so eigenwillig wie seine Hauptfigur John Valentine Smith.
Ähnlich wie bei seinem (ebenfalls kontrovers diskutierten) Klassiker "Starship Troopers" versteht Heinlein es auch in diesem Buch, die Handlung mit sehr vielen Exkursen in verschiedenste Gebiete zu verbinden. Waren dies bei "Starship Troopers" natürlich primär militärische und politische Themen grifft FREMDER IN EINER FREMDEN WELT eher antropologische und soziologische Diskurse auf. Durch die Augen des Protagonisten, eines auf dem Mars groß gewordenen Menschen, der zum ersten Mal auf der Erde ist, sieht der Leser die wahrlich fremde Welt der Erde - und stellt mit dem Protagonisten viele Ideen, Konventionen und Denkmuster in Frage.
Dies bedeutet auch: wer unter SF notwendigerweise actionreiche Space Opera versteht wird mit diesem Buch sicherlich nicht glücklich - es ist eher in der Tradition von Werken wie "1984", "Fahrenheit 451", "Die Mars Chroniken" oder meinetwegen auch "A Clockwork Orange" zu sehen, eben eine utopische Betrachtung der Gesellschaft.
Wenn man sich aber auf dieses Buch einlässt steht einem ein echtes Leseerlebnis bevor - und in dies in dieser hier vorliegenden Neuauflage sozusagen "uncut". Außerdem versteht es Heinlein sehr ansprechend, das Denken einer außerirdischen Intelligenz darzustellen - der "Marsianer" Smith denkt absolut nicht wie ein Mensch, und ist viel außerirdischer, viel fremdartiger als das SF-Standart-Alien.
Wie gesagt: dieses Buch ist ohne wenn und aber Geschmackssache und wird vermutlich nicht jeden zufrieden stellen - aber letztlich ist es ja auch der Sinn von SF, Neues zu schildern und sich abseits von augetretenen Pfaden zu bewegen. Dies gelingt Heinlein mit FREMDER IN EINER FREMDEN WELT jedenfalls ganz ausgezeichnet.
Insgesamt also: diese Neuauflage kann jedem SF-Begeisterte ans Herz gelegt werden - eine Chance sollte man diesem Buch alle Male geben, und vielleicht gehört man zu denen, die FREMDER IN EINER FREMDEN WELT auch fast 50 (!) Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in seinen Bann zieht.