Wann sind zwei Freunde wirklich Freunde? Wann ist eine Beziehung eine echte Beziehung und wo hat Treue ihre Grenzen? Was kann man alles küssen, ohne es zu fühlen, und warum ist ein Film niemals einfach nur ein Film?
Dieser Film hat nichts mit dem 11. September zu tun, auch wenn sich alles um diesen Tag herum dreht, als wäre er eine Zeitachse. Aber das hat mir niemand vorher gesagt, was ganz gut war, sonst wäre ich nämlich nicht reingegangen. Als dann die ersten Bilder kamen, saß ich mit einem mulmigen Gefühl da und dachte Na, jetzt wird wieder die Melodramatik ausgepackt. Um so angenehmer war die Überraschung. Aus einem geschichtlichen Drama wird ein menschliches, das sich aus Unverständnis und Lügen zusammenbaut. Es geht um Freundschaft und Liebe, um Betrug und Unverständnis. Die Bilder dazu sind passend kühl. Elmar Fischer drehte den Film bewußt digital und erzeugte dadurch eine rohe Dogma-Atmosphäre. Basierend auf den Fakten, daß ein Hamburger Student einer der Hauptverdächtigen bei dem Anschlag auf das World Trade Center war, verlegte Fischer seine Geschichte nach Berlin.
Aber dieser Film hat nichts mit Berlin zu tun, auch wenn er dort spielt. Es ist eine andere Seite der Stadt, die uns gezeigt wird. Nichts da mit den typischen Bildern, die sogar jede Nase in Untertüpfling erkennt. Berlin ist grau und kalt und könnte eine Kleinstadt sein.
Dieser Film hat auch keine berühmten Schauspieler, was nicht heißt, daß sie nicht großartig sind. Antonio Wannek als Chris und Nevid Akhavan als Yunes sind solch ein ungleiches Paar, daß es eine Freude ist, diese sich annähernde Freundschaft zu betrachten. Akhavan brilliert mit seinen verschiedenen Gesichtern, die von romantischer Naivität bis zur reinen Manie wechseln. Und er verdient meiner Meinung einen Preis für die Szene, in der er reglos in seinem Zimmer steht und seine Freundin ansieht.
Oft gerät der Zuschauer an Momente wie diesen, die unberechenbar sind. So wußte ich nicht, ob der eine dem anderen gleich eine verpaßt oder ihn in die Arme schließt. Auch bei den Frauen waren die Aktionen ein Rätsel, was an der Natürlichkeit und Spontanität der Schauspielerinnen lag. Es gibt da auch Szenen, die nicht sein müssen, aber während dieser wenigen Szenen kann man einen Schluck von seiner Cola nehmen oder sich locker zu seinem Nachbarn rüberlehnen und Naja sagen.
Dieser Film ist kein sehr guter Film, er ist aber sehenswert und voller verschiedener Facetten. Zu diesen Facetten gehört nicht nur der gute Schnitt oder die feine Wahl der Musik, es ist auch dieses demonstrative sich Abwenden vom 11. September und dabei dennoch über die Schulter zurückschauen.
Viele kleine Momente sind darin versteckt, die hell und klar leuchten. Und in diesen Momenten geht es um das Menschliche hinter dem Chaos. Um Freunde, die sich verlieren und nicht wiederfinden.