Renate Ahrends kenne ich schon durch ihren Roman "Zeit der Wahrheit"der in Südafrika zur Zeit der Apartheid spielt. Schon damals gefiel mir ihre Fähigkeit zwischenmenschliche Beziehungen zu beschreiben ausgezeichnet.Auch in diesem Buch schafft sie es,die Geschichte zweier Schwestern so eindinglich und eindrucksvoll zu beschreiben, dass ich das Buch nicht aus den Händen legen konnte.
Franka und Lydia sind Schwestern,die in Hamburg großgeworden sind. Der Vater war nur mit seinem Beruf verheiratet und Franka konnte ihn eigentlich immer nur mit guten Noten beeindrucken.Das äußere Erscheinungsbild war ihm immer sehr wichtig.Lydia,die in eine Ehe hineingeboren wurde, die eigentlich schon am Ende war, wurde vom Vater eigentlich nur mit Nichtachtung gestraft,war sie doch der Grund, dass er an dieser Ehe festhalten musste.Von der Mutter wurde Lydia jedoch nur verwöhnt und Frauke immer vorgezogen.Sie sah in Lydia sich selbst, die eine Künstlerkarriere machen sollte, die ihr nicht vergönnt war, da sie Kinder bekam und ihr Mann sie in dieser Beziehung nie unterstützte.Diese Frustration über eine gescheiterte Karriere läßt sie ungerecht und auch depressiv werden, was Franka am meisten zu spüren bekommt. Das eigentlich ungetrübte Geschwisterverhältnis leidet mehr und mehr darunter, weil Franka die Verantwortung für ihre Schwester übernehmen muss, die eigentlich den Eltern zufällt.
Als die labile Lydia anfängt Drogen zu nehmen und auf die schiefe Bahn gerät, ist es Franka, die versucht ihr zu helfen, aber keinen Erfolg hat.
Jahre später steht eines Tages Lydia, die viele Jahre im Ausland verbracht hat,mit ihrer sechsjährigen Tochter Merle vor der Tür.Abgerissen und schwer an einer Hepatis C erkrankt, hofft sie mit ihrer Tochter Aufnahme bei Frauke zu finden.
Was mich an diesem Buch am meisten fasziniert hat, war die glasklare Analyse des Geschwisterverhältnissis und die Konsequenz für die beiden Frauen ihren Lebensweg betreffend.
Franka,die schon früh die Verantwortung für ihre Schwester übernehmen muss,will keine Ehe eingehen und Kinder bekommen, weil sie Angst hat es falsch zu machen, vielleicht so wie ihre Eltern?Ihr durchstrukturierten Leben will sie nicht aufgeben, auch nicht um ihres Freundes willen,weil sie Angst hat den Halt zu verlieren, den ihr dieses Leben bietet.Als ihre Schwester Lydia vor der Tür steht und sie gezwungen ist,sich um die beiden,insbesondere um Merle, Lydias Tochter, zu kümmern, durchlebt sie ihre familiäre Vergangenheit noch einmal und sie sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen.Lydia, die alles Spiesserhafte ablehnte und ihr Leben unkonventionell lebte, steht jetzt wo sie nicht mehr weiterkann wieder vor Fraukes Tür und nun soll Franka wieder helfen.
Alle Gefühle und Gedanken,die die beiden Frauen in ihrer zaghaften Annäherung, die aus der Not geboren ist,empfinden, beschreibt die Autorin so empatisch und spannend,dass dieses Buch auf mich einen unwiderstehlichen Sog ausübte.Keine Minute Langeweile kam auf, im Gegenteil, ich konnte das Buch vor seinem Ende nicht aus der Hand legen.Man kommt den Protagonisten sehr nahe, solidarisiert sich mit ihnen,hat teilweise Mitleid und wundert sich, dass aus Merle,trotz ihrer Sozialisation, eine so starke Persönlichkeit wird, oder gerade desshalb?
Dieses Buch hat mich berührt,fasziniert, schockiert und viele Gedanken in Gang gesetzt darüber, welche Verantwortung Eltern ihren Kindern gegenüber übernehmen und wie wichtig ein intaktes Familienleben ist, in der jeder die Rolle übernimmt,die ihm zusteht.
Eine volle Kaufempfehlung für dieses Buch.