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5.0 von 5 Sternen
"Kein Mensch kann die Aufgabe, seine Existenz zu rechtfertigen, auf andere abwälzen. (Sartre), 11. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Fremde. Großdruck. (Taschenbuch)
"Eines Tages aber erhebt sich das "Warum?" und mit diesem Überdruss, indem sich Erstaunen mischt, fängt alles an. [...] Der nächste Schritt ist die unbewusste Rückkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen".
(Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos)
Albert Camus (1913-1960) zählt neben Sartre zu den französischen Existentialisten. Mit diesem Roman gelang ihm der literarische Durchbruch. "Der Mythos des Sisyphos" ist eng verknüpft und gibt Klärung des Begriffs des Absurden. Camus definiert dort, dass Welt und Mensch sich treffen mit unerfüllbaren Wünschen. So auch im "Der Fremde", in dem Meursault und Welt ein absurdes Paar bilden. Da wo beide sich absurd präsentieren, steigert sich die Absurdität und transformiert sich selbst auf eine höhere Ebene, in eine absurde Distanz zum Leser. Absurdität definiert Camus im Mythos als Entzweiung und so sind Mensch und Welt, Meursault und Welt, Leser und Text zunächst weit voneinander. Diese Distanz zeigt sich den Bruchstücken des Lebens, die aneinandergereiht zunächst sinnlos sich zeigen, aber letztendlich sich spiegeln in den "schillernden Bruchstücken" einer ganzen, jedoch absurden Welt.
Widerspruch und Zufall sind bestimmend für die Handlung. Meursaults Mutter stirbt zufällig vor dem Mord und wird so posthum zur Belastungszeugin, er sieht sie nicht mehr vor der Beerdigung, weil zufällig der Sargdeckel zugeschraubt ist und er aus Gleichgültigkeit einer Öffnung widerspricht. Zufällig schießt er fünfmal, was zur nicht verstehbaren Situation im Gerichtssaal führt. Sein Nachbar Salamano schlägt und liebt seinen Hund, widersprüchlich zeigt sich die Welt im Gerichtssaal, die ihn verurteilt ob seiner Ehrlichkeit, die eine Gesellschaft nicht versteht, obwohl sie zu deren Grundsätzen zählt.
Camus stellt den Gedanken um den Tod in den Vordergrund. Durch den Tod wird der Mensch gezwungen, sich mit seinem Leben auseinander zusetzen (empfehle: Über den Tod, Tugendhat) So überschattet der Tod das Leben wie der Tod Meursaults Mutter diesen Roman bestimmt, deutlich sichtbar in der Verhandlung.
Handlung? Ist Meursault Handelnder oder ist er getrieben von Zufall und Notwendigkeit? Für ihn ist alles gegeben, seine Beschreibungen am Anfang sind geprägt von äußerster Distanz und Gleichgültigkeit. Handelt er authentisch? Er ist nicht er selbst, er wird bereits von Ereignissen bestimmt, damit fehlt ihm die Authentizität, zumal er auch nicht reflexiv sich den Ereignissen widmet. Er nimmt sie hin, keine Frage nach dem Warum. Damit ist Meursault nicht authentisch, nach Camus absurd, und nicht er selbst, "er bleibt sich immer fremd", wie Camus im Mythos allgemein feststellt. Diese seine Fremdheit zu sich schafft Distanz und wird so zum Absurden. Camus schafft es, dass der Leser im ersten Teil dieses Romans in Meursaults Leben das Absurde fühlt. Er zeigt die Gleichwertigkeit aller Dinge, allein in der Aussage Meursaults gegenüber seinem Chef, das sein Leben "so gut wie jedes andere wäre". Das Fremde scheint identisch mit einer absoluten Gleichgültigkeit.
Doch im zweiten Teil wird die andere Seite Meursaults deutlich. Er verzichtet auf reine Beschreibung, sondern er beginnt die Welt zu kommentieren, zu reflektieren. Wie Nietzsche im Zarathrustra von "des Willens Widerwille gegen die Zeit und ihr es war" sprach, so kommt Meursault in den Zustand des Erwachens, es erhebt sich dieses Warum?. Er reflektiert seine Situation, sein Leben in der Gesellschaft und doch bleibt er im Widerspruch, wenn er vom gestern lebt ("mit den Erinnerungen ist die Zeit vergangen"; und doch von nichts anderem beansprucht wird als vom Heute und Morgen. Zeit kommt durch Untätigkeit zum Stillstand, philosophiert er in der Zelle und so erkennt man den Sinn Camus Gedanken, dass die Welt ohne Sinn bleibt, solange man nicht handelt.
So wie er in seiner Wahrheit die Fragen des Gerichts beantwortet, erkennt das Gericht nur die Zweifel, die Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit. Die Maximen der Welt korrespondieren nicht mit denen Meursaults und so wird das Absurde in diesem Teil nicht verlassen, sondern auf eine höhere Ebene der Reflexion gehoben. "Alles ist wahr, und nichts ist wahr!", so sein Anwalt in der Verhandlung und hier zeigt sich das Dilemma einer absurden Welt. Dass Gesellschaft und Individuum in dieser Welt nicht zusammenkommen, entzweit bleiben, offenbart das Urteil. Meursault wird erst wieder zur Verkündung des Urteils im Saal zugelassen, es gibt keine klarere Wand zwischen der Gesellschaft und dem von ihr Verurteilten als das Urteil.
"Wenn ich je aus diesem Gefängnis herauskommen sollte, [...]" entspringt Meursaults Hoffnung auf Leben, auch wenn er feststellt: "Aber jeder weiß, dass das Leben nicht lebenswert ist." Über das Denken, alles sei gleichwertig, geht er hinaus, verlässt für einen Augenblick die absurde Welt, denn er teilt Freude, wenn er sagt: "stieg mir eine Woge giftiger Freude ins Herz." Aber es wäre nicht Camus, wenn diese Hoffnung auf Leben nicht durch die Vernunft ein Korrektiv erfahren muss. "Aber das war unvernünftig". So knapp wird die Vorstellung der Freude erledigt. Meursault bleibt bei seinem Leben, nichts Besonderes, immer wieder das gleiche, glücklich wie Sisyphos, der in der Wiederholung die Freude, das Glück entdeckt.
Ebenso direkt hält er es mit dem Nein! zu Gott. Hier streift Camus das Herz des Existentialismus, die Kosten dieser existentialistischen Entsorgung trägt der sich selbst schaffende Mensch. Der, der die Welt durch Handeln zu Sinn führt.
Meursault vereinigt am Ende im Gedanken der Hinrichtung sich selbst und die Gesellschaft, soll das Absurde im Tod aufgehoben werden? "Von Hoffnung entleert" öffnet er sich der "zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt". Brüderlich fühlte er sich mit einem Mal, glücklich, gewesen zu sein. Und froh in Erwartung der Hinrichtung mit vielen Menschen, die ihm seine Stellung in der Gesellschaft verdeutlichen: durch "Schreie des Hasses".
Dieser Roman ist ein absurdes Werk, bis zum letzten Satz. Er präsentiert aber auch eine faszinierende intellektuelle Welt, in der Sie die Todesreise eines bereits im Leben erstarrten Menschen verfolgen können, der im Moment des erwarteten Todes erinnernd jenes Leben gewinnt, dessen Ebene ihm im Leben verschlossen geblieben ist.
Wenn man will, kann man interessante Zusammenhänge denken und Fragen stellen zu den Themen der Schuld und des Todes als Teil des Lebens. Mit Dostojewski, Kafka, Frisch und Nooteboom tun sich wunderbare literarische Parallelen auf, die zu finden ein Vergnügen bereiten können.
In meiner Rezension zu Nootebooms: Die folgende Geschichte ISBN: 3518403966 finden Sie die Zusammenstellung.
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