ASP, das waren einmal die Gruppe rund um Mastermind Asp und Songschreiber/Produzent Matze. Nach dem fulminanten Abschluss des Schwarzer Schmetterlings durch das Doppel-Album Requiembryo und dem folgenden Ausflug in den Krabat-Zyklus hat man sich gefragt, wie die "reguläre" ASPsche Reise in Sachen Musik denn wohl weitergehen möge. Der "Schwarzer Schmetterling Zyklus" hat sich über die Jahre immer mehr hin zu rockigeren Konzept Alben entwickelt, daher war die Sorge mancher nicht unbegründet, man könnte irgendwann wie gewisse Genrekollegen enden und musikalisch gänzlich von den Wurzeln abfallen. Zunächst als Teil des zukünftigen, damals noch unbekannten, Albums angekündigt, erschien 2009 dann die "Wer sonst?/Im Märchenland" Single, welche mit 2 brandneuen Stücken und (in der ltd. Edition) einem Comic aufwarten konnte. Diese waren von der Fangemeinde überwiegend gut aufgenommen, aber dennoch mysteriös, da inhaltlich noch wenig konkretes zu finden war, das die Gier der Meute auf weitere düstere Gothic Novel Speisen stillen konnte. Musikalisch gewohnte ASP Kost, die sich aber trotzdem nicht wie das vorherige Material anfühlte. So oder so, laut Asp sind diese 2 tollen Lieder nicht mehr Bestand des 2010 enthüllten "Fremder-Zyklus". Der vielversprechende Titel des ersten Albums aus selbigem, genannt "fremd" (ja, nicht Fremd, sondern fremd!), klang vielversprechend. Die Nachricht hingegen, dass Matze aus unerklärten Gründen die Band verlässt, sorgte für Panik und Trauerflor.
2011 war es dann endlich soweit, mit "Wechselbalg" erschien das erste richtige Lebenszeichen der neuen Ausrichtung, rund um Produzent Lutz Demmler. Der Titeltrack war perfekt als erstes solches gewählt, da er textlich quasi das Bindeglied der beiden Zyklen darstellt, denn entgegen früheren Meldungen ist der "Fremder-Zyklus" kein komplett losgelöster Zyklus, sondern eine quasi Fortführung der Geschichte rund um den geflügelten Düsterling. Das mag denjenigen missfallen, die auf etwas rundum Neues gehofft haben, die anderen mag es beruhigen, dass doch etwas von der geliebten Vergangenheit erhalten bleibt. Angstkathedrale (in der Amiens Version) wiederum hat viele erst mal vor den Kopf gestoßen, was mit Sicherheit den hohen Doom Anteilen geschuldet ist, die sich durch eine gewisse Monotonie und schleppende Gitarrenwände wunderbar darboten. ASP haben schon öfter ("Die Ruhe vor dem Sturm", "Fading away (A Vision)", "Blinded") bewiesen, dass sie lange, düster melancholische Lieder perfekt inszenieren können, aber hier war wohl für den ein oder anderen zartbesaiteten Goth zu viel des Guten vorhanden.
Und nun, im Oktober 2011, hört der geneigte Fan nicht nur ein donnern und grollen hinter dem Vorhang, nein, das Kino eröffnet und es gibt Gothic Novel Rock vom allerfeinsten zu sehen, zu fühlen und zu hören, "fremd"ist da! Was sagt der Zuschauer?
Zuerst einmal widme ich mich der Verpackung, welche typisch ASP einmal mehr mit zum Besten gehört, was die Musikbranche zu bieten hat (wir reden natürlich von der limited Edition): Das Cover, vom bekannten Künstler Timo Würz designt, zeigt den Schwarzen Schmetterling in all seiner (modernen) Pracht, und bietet im schönen Buchformat auch gleich etwas zum Anfassen, sind doch wie auf der Wechselbalg Single feine Strukturen eingearbeitet, welche je nach Interpretation Spinnenweben oder der Flügel Oberfläche von Insekten gleichen. Das Innenleben bietet das bisher düsterste ASP Artwork, in Form von Tintenblut und (edwarschen) Rabenfederklingen, gepaart mit einem Asp, der Bild für Bild (daher gleichen sich die Aufnahmen auch ziemlich) verrückter zu werden scheint, was zum Album und dessen Konzept passen würde. Aber dies ist nur meine persönliche Interpretation. Das Besondere stellt allerdings die Detailverliebtheit des Booklets dar, da es wirklich viel zu entdecken gibt, sei es in Form von versteckten Botschaften oder ergänzenden Zitate aus alten Liedern. Hier wurde sich wirklich viel Mühe gegeben und alles in allem bieten ASP hier ihre bisher beste Veröffentlichung dar, was bei ihrer Diskographie wahrlich etwas heißen will. Lob dafür (auch für 7000 unterzeichnete und sehr schicke Zertifikate)! Einziger Kritikpunkt ist das fehlende Erwähnen von Nik Kershaw und seinem tollen Original von "Wouldn't it be good"in den Credits. Das gehört imo dazu.
Doch widmen wir uns nun weiter dem Album selbst. Hat man die schicke, schwarze CD (ebenfalls mit feiner Verzierung) in die Anlage, respektive den PC, eingelegt, ertönt der Opener "A Prayer for Sanctuary". Hallende Klavierklänge, ein verzerrter Stimmenchor und sich ausdehnende Elektrospielereien geleiten in eine düstere Sehnsuchtsklage, die sich final in einer schmetternden Gitarrenflut ergießt und mit verzweifeltem Echo abebbt. Textlich, wie erwähnt, fleht der Protagonist nach einem Wirt, nach Erfüllung durch Assimilation und spricht diesen fast schon wie eine Hoheit an. Zuletzt scheint er Erfolg zu haben, hört er doch die Stimmen eines Fremden...
Eben dieser steigt in "Wechselbalg"wieder auf, die treibend rockige Nummer dürfte live großen Anklang finden und ähnelt am ehesten Liedern wie "Ich will brennen"oder "Ich bin ein wahrer Satan". Gewohnte Kost auf hohem Niveau, hier dürften die wenigstens Hardcorefans etwas auszusetzen haben. Textlich wird Bezug zum alten Zyklus genommen und somit könnte der zweite Titel auf der CD nicht besser besetzt sein. Eine neue Welt, ein Gefühl des Fremdseins und doch nicht allein, trotz der Trennung.
Mit "Eisige Wirklichkeit"befindet sich vermutlich (wenn die Fans gut wählen ;D) die nächste Singleauskopplung auf Position Numero 3 und das zurecht! Treibend, elektronischer als die letzten 2 Schmetterlings Alben zusammen und sowohl eingängig, als auch sehr tiefgründig wird vom Erwachen in der Fremde berichtet. Doch man ist nicht allein, die Geister, die Altlast ist mitgereist.
"So viele Jahre war dein Streben, all dein Tun und Worte Weben,
auf ein großes, neues Leben in der Freiheit konzentriert.
Nun bist du endlich obenauf, denn alles schien so gut gelaufen,
war es teuer nicht erkauft, wenn dich am Ende wieder friert?"
Wunderbare Zeilen, die man eigentlich nicht groß erklären muss, erneut ein (möglicher) Bezug zu alten Zeiten, wenn man es denn so interpretieren mag. Noch ist unklar, ob man wirklich denselben Protagonisten vor sich hat, welcher immer noch keinen Frieden gefunden zu haben scheint, oder ob man sich nicht doch auf den Schmetterling selbst bezieht (es wäre nicht das erste Mal, dass dieser auch als verletzlich ["Ballade von der Erweckung"] gezeigt wird). Auf jeden Fall eine ganz große Nummer.
Anschließend zeigt nicht nur das Artwork (passend durch eine kaputte Uhr symbolisiert), dass man sich auf Zeitreise begibt; in Erzählermanier leitet "The Mysterious Vanishing of the Foremar Family [A real Gothic Tale]"eine mögliche Begegnung mit dem Schwarzen Schmetterling in der Vergangenheit ein, dem eine versnobte, wohlhabende Familie (bzw. konkret der "verrückte Cousin", was natürlich noch besser passen würde) zum Opfer fiel. Auch wenn vermehrt Gitarren und Keys das Klangbild bestimmen, fühlt man sich sofort an den Krabat-Zyklus zurückerinnert, lädt doch der Refrain wunderbar zum Schunkeln ein und das ganze Lied wirkt regelrecht folkig. Passenderweise liefert Asp auch eben solch einen Mix des Liedes auf der Bonus CD, doch dazu später mehr. Klingt alles positiv, ist es auch, jedoch im Kontext der restlichen, allzu genialen Lieder stellt dieses Stück für mich das schwächste Bindeglied da. Inhaltlich ist es für mich für ASP Verhältnisse zu flach, gewöhnlich und ein zwei englische Zeilen hören sich satzbautechnisch komisch an. Aber das ist Kritik auf sehr hohem Niveau und es bleibt trotzdem ein tolles Lied.
Erzählerisch geht es auch gleich weiter, in "Rücken an Rücken"zeigt ASP seine Synchronsprecherqualitäten und man fühlt sich fast wie bei "Aus der Tiefe"als mehrere kleine Intros die Lieder eingeleitet haben. Hier gehört es jedoch zum Lied und stellt mit die besten Zeilen dar, die Asp je geschrieben hat. Überhaupt, das ganze Lied beschreibt das Entfremden zweier Partner (oder des Protagonisten vom Schmetterling, wie man will) auf eindrucksvolle und berührende Weise. Absolute Hochform, Herr Spreng! Musikalisch bleibt man in Midtempo Gefilden und gibt sich auch wieder vermehrt elektronisch. Auch hier ein neuer Live Kracher Kandidat der Extraklasse. Das Solo gegen Ende verdient neben dem Killer-Refrain auch noch ein Lob, es lockert den Song auf und hilft, sich Strukturtechnisch nicht zu oft zu wiederholen.
Keine Zeit zum Erholen, mit der Angstkathedrale in der Canterbury Version läutet man das Kernstück des Albums, den größten ASPschen Epos, das metallischte/doomigste Stück der Bandgeschichte ein, das mich persönlich schon auf der Single so unnachahmlich begeistert, fasziniert und gefangen genommen hat, dass ich aufpassen muss, nicht nur mit Superlativen um mich zu werfen. Das gute Stück könnte für die ersten Minuten wahrlich auch auf einer Doom-Schreibe zu finden sein, so sogartig, hypnotisch und monoton (im positiven Sinne) entfaltet sich das Lied, als ob man selbst in langsamen Schritten durch eine furchteinflößende Kathedrale läuft und sich immer mehr dem Altar nähert.
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