Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Autorin versteht es sehr gut, ihre Hauptpersonen durch emphatische Beschreibungen lebendig werden zu lassen und ihre Geschichten miteinander zu verknüpfen. Sie führt den Leser durch die verschiedenen Kommunikationsebenen und baut langsam eine subtile Spannung ungeklärter Fragen auf. Die Dialoge werden alle in der englischen Sprache geführt, so daß Grundkenntnisse hierzu schon notwendig sind, um dem Buch folgen zu können. Gleichzeitig wird dem Leser durch den ständigen Wechsel der beiden Sprachen die Erlebnisse und Empfindungen der Hauptperson greif- und fühlbarer.
Das Buch regt dazu an, über die Sprache und ihren Gebrauch nachzudenken und brachte mich zu der Erkenntnis, daß nicht alle Übersetzungen im Wörterbuch zu finden sind. --Christina Schmaltz
Neue Zürcher Zeitung
Ruth Rehmanns Roman «Fremd in Cambridge»
Die Sprache von Ruth Rehmann zeichnet sich seit je aus durch eine besondere Art der Leichtigkeit: gerade dort, wo es um Verborgenes und Verschwiegenes geht. Die Zeichen dafür sind schon auf den ersten Seiten gesetzt, auch für den Humor, der die Erzählung unauffällig begleitet: Über etwas Schreckliches, das seine Familie bedroht, glaubt der Sohn des Hauses seine Besucherin aus Deutschland gleich nach ihrer Ankunft orientieren zu müssen, noch ehe sie gemeinsam sein Elternhaus betreten. Sie aber, begreiflich, versteht in der Aufregung der Ankunft kein Wort, fragt sich umsonst, was er mit der Wendung «if the worst comes to the worst» meinen könnte. Was sie noch nicht weiss, aber bald zur Genüge erfährt: dass es zum Stil des Hauses gehört, nicht zu sagen, was man meint! Das Grundmotiv des Buches ist damit angeschlagen. Elisabeth Götte, eine Studienrätin aus Deutschland, die unter Kollegen als «geniale Lehrerin» gilt, jetzt aber, nach einer schweren beruflichen Enttäuschung, nach England geflohen ist, sie ist im Englischen bald wieder zu Hause; aber nie wird sie erfahren, was für eine Katastrophe die Gastfamilie bedroht; sie wird es desto deutlicher ahnen. Als «our German friend» wird sie in der Familie Pearl scheinbar ohne Vorbehalt aufgenommen und lautlos in ihre Grenzen verwiesen, sobald sie den persönlichen Bereich tangiert.
Winzige Explosionen
In einem Ambiente, das durch Harmonie und Diskretion bezaubert und irritiert zugleich, ereignen sich unablässig winzige Explosionen, in denen Verborgenes an die Oberfläche drängt, aber scheinbar nur von der Besucherin wahrgenommen wird. Ob die bevorstehende Katastrophe darin besteht, dass der Pater familias, ein alter Cambridge-Professor, im Begriff ist, alle früheren Lebenszusammenhänge zu verlieren (bis er seine letzte Zuflucht in einem verfallenen Zigeunerwagen sucht) oder ob sich in der ununterbrochen als vorbildlich gepriesenen Cambridge-Welt Schlimmeres verbirgt, «even crime», das wird bewusst im Zwielicht gelassen.
Das Buch hat, so gesehen, etwas von einem Kriminalroman an sich; nur dass «our German friend» keine Detektivin ist. Sie lebte bis vor kurzem nur in ihren inneren Bildern, nicht anders als die Familie Pearl in ihren fossilen Vorstellungen von Cambridge als dem Zentrum der Welt; sie lebte, dies vor allem, im Glauben, dass Sprache ein verlässliches Medium der Verständigung sei. Dass diese Illusion durch schwierige, ihr scheinbar ergebene Schüler zerstört wurde, erfährt sie als eine persönliche Lebenskatastrophe.
Die Welt, die Ruth Rehmann in diesem Roman evoziert, ist im tiefsten eine Sprach-Welt und dadurch desto faszinierender. Die Sprache ist Thema und Zentrum des Buches, schon äusserlich: sie erscheint im von der Familie Pearl gepflegten small talk, der als eine Art Grundmelodie das Buch durchzieht und dessen Atmosphäre bestimmt; und sie beunruhigt und verstört durch die oft nur in Nuancen bestehenden Missverständnisse und Unsicherheiten, die sich im Dialog zwischen Menschen verschiedener Sprachen ergeben und in denen ein umfassendes Scheitern der Verständigung offenbar wird.
Von Wort zu Wort
Nicht zufällig steht ein Satz von Wittgenstein, für den Cambridge so wichtig war, als Motto am Anfang des Buches und der Besuch seines Grabes an dessen Ende. Die Beschreibung dieses Friedhofbesuchs ist einer der Höhepunkte des Romans. Nicht Elisabeth Götte ist hier Hauptperson, sondern die kleine Tochter des Friedhofwärters, Alice (Alice im Wunderland also, oder eher: Alice im Gespensterland der Sprache?). Diesem Kind, das spielend das Grab des Philosophen umtanzt und doch zuhört, erzählt Elisabeth Götte das Leben Wittgensteins, bestechend einfach, aber ohne simplifizierende Anbiederung. Die Episode beleuchtet noch einmal, vom Ende her, das Buch. Nicht Sprachphilosophie wird da doziert, sondern die Sprache in ihren einfachsten Wendungen beobachtet und bedacht und die Erzählung so, von Wort zu Wort, zu einem umfassenden Sprachzweifel geführt.
Und doch nicht ganz. Nachdem die Protagonistin sich endlich aus der Welt ihrer Cambridge-Freunde gelöst hat (es braucht einen Unfall, um diesen dichten Kokon zu öffnen), erfährt sie, was ihr doch längst vertraut war, erfährt es auf eine unerwartet neue Art: die fast magische Wirkung, die dem aus allen inhaltlichen Bezügen gelösten Sprachklang eigen sein kann. Es ist eine seltsame Mitpatientin aus der Unterschicht, der sie diese Einsicht verdankt: Ein in einer Schlägerei verletztes junges Mädchen, fast ein Kind noch (man nennt es im Spital nur das «Monster»), wird durch den Klang der ihm ins Ohr geraunten deutschen Worte und Gedichte wie durch Zauberhand berührt, wird auf einmal, im Wortsinn, «ansprechbar». Ein Triumph der Musik über die Sprache unwillkürlich denkt man daran, dass Ruth Rehmann, ehe sie zu schreiben begann, Musik studierte.
Elsbeth Pulver
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Elisabeth Götte, Studienrätin im Fach Deutsch, hat eines Tages ihren Beruf, ihr Land, ihre Sprache satt und folgt einer Einladung nach England. Im Haus eines alten Cambridge-Professors findet die leidenschaftliche Humanistin und intime Kennerin der philosophischen Theorien Ludwig Wittgensteins Unterschlupf.
Doch ein Gespinst von Mißverständnissen und Täuschungen macht ihr auch hier das Leben schwer. Ausgerechnet ein Unfall und die damit erzwungene Passivität im Krankenhaus bringen die Wende. »Eine figurenreiche Geschichte voll innerer Spannung, mit kundigen Einblicken in eine skurrile Sonderwelt. Ein kluges Buch von großer Sprachdichte und -präzision; nicht nur für den England-Fan lesenswert.« (Kyra Stromberg in der Süddeutschen Zeitung) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.