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Freitisch [Gebundene Ausgabe]

Uwe Timm
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 135 Seiten
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch; Auflage: 1., Auflage (24. Februar 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3462043188
  • ISBN-13: 978-3462043181
  • Größe und/oder Gewicht: 19,4 x 12,2 x 1,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (11 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 109.275 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Uwe Timm
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Sind wir die geworden, die wir sein wollten?

"Damit hatte er nicht rechnen können, ausgerechnet hier, am Mare Balticum, von seinem Vorleben eingeholt zu werden." Uwe Timm erzählt vom späten Wiedersehen zweier Männer, die in den frühen Sechzigern, noch vor dem großen Aufbruch, als Studenten in München ihren Weg suchten. Am Freitisch saßen sie mittags beieinander, in der Kantine einer spendablen Versicherung, und ihre Gespräche kreisten um Gott und die Welt und einen gemeinsamen Bezugspunkt: Arno Schmidt. Als sie sich in Anklam wiedertreffen, prallen zwei Lebensentwürfe aufeinander. Der Erzähler hat hier als Lehrer gearbeitet, Deutsch und Geschichte, und führt seit seiner Pensionierung ein Antiquariat. Der andere, Euler, damals Mathematiker mit literarischen Ambitionen, kommt als Investor und sondiert das Terrain, um eine Mülldeponie zu bauen. Beide helfen sich und der Erinnerung auf die Sprünge, geben Anekdoten zum Besten, zitieren ihre Lektüren und landen immer wieder bei dem Dritten im Bunde: Falkner, der damals schrieb, ohne jemals einen Text vorzuzeigen, und mittlerweile ein bekannter Schriftsteller ist. Und bei jener merkwürdigen Reise, die sie in die Heide, zu Arno Schmidts Grundstück führte. Wie man wurde, was man ist, und was man vielleicht hätte werden können - davon handelt Uwe Timms geistreiche, gewitzte, glänzend geschriebene Novelle, die voller Anspielungen steckt und der existenziellen Frage nachgeht: Was lässt sich umsetzen von den Wünschen und Hoffnungen, mit denen man angetreten ist?

Über den Autor

Uwe Timm, geboren 1940. Freier Schriftsteller seit 1971. Sein literarisches Werk erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch, zuletzt "Am Beispiel eines Lebens", 2010; "Am Beispiel meines Bruders", 2003, mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt; "Der Freund und der Fremde", 2005; und "Halbschatten", Roman, 2008. Uwe Timm wurde 2006 mit dem Premio Napoli sowie dem Premio Mondello ausgezeichnet und erhielt 2009 den Heinrich-Böll-Preis.

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ulrich Gellermann TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Wer anders sein wollte, musste in diese Kneipe gehen. Wo sich die trafen, die Sartre gelesen hatten, die Francois Hardy hörten, oder aber vom Glas-Zersinger des Günter Grass erzählen konnten und davon, dass in eben der "Blechtrommel" erstmals in westdeutscher Literatur ein SA-Trupp vorkamen, der einen jüdischen Laden stürmt. Da diskutierte sich was zusammen in der Kneipe, da war in den frühen 60er Jahren ein Vorabend zu ahnen, dem dann später die unruhigen Tage der 68er Zeit folgen sollten. In dieser Kneipe zitierte dann einer "Fern u=bootete eine lange Limousine durch Getreidemeere", das war aus "Kühe in Halbtrauer", jenem Buch von Arno Schmidt, das den Protagonisten der jüngsten Novelle von Uwe Timm damals, am "Freitisch", wesentlichen Debattierstoff lieferte.

Der Lehrer, in den 60ern am Freitisch noch Student, und die anderen, die das kostenfreie Essen in der Kantine einer Versicherung genossen, wussten nichts vom Vorabend. Aber als man sich im Städtchen Anklam, im Heute des vereinigten Deutschlands wiedertrifft - der Schmidt-Verehrer Euler und eben jener Lehrer - da hat man mehr als vierzig Jahre hinter sich, und weiß, dass den unruhigen Tagen die ruhigen Jahre folgten, aus denen der eine heute seine Pension bezieht, der andere eine Geschäftsidee entwickelt: Wie man den Müll der Städte schneller und effizienter vom Haus auf die Kippe bringt. "Das also ist aus dem revolutionären Projekt der neuen Gesellschaft geworden - Nachhilfe in Deutsch", lässt Uwe Timm den Euler über den Lehrer denken, der anscheinend mal die DDR gut fand, und der aus dem Westen nach Anklam gekommen war, weil er "das Verschwinden einer doch anderen Lebensform studieren" wollte.

Sie erinnern sich, Euler und der Lehrer, an ihre gemeinsame Fahrt zu Arno Schmidt, der zumindest dem Euler als ein Heiliger der Literatur galt, daran, dass damals die Amis den vietnamesischen Dschungel entlaubten, und an den dritten Mann ihrer Freitisch-Gespräche in München, der seine Freiheit vom Vietcong verteidigt glaubte. In einer Zeit, in der nicht nur die Bildzeitung sondern auch Willy Brandt die Freiheit des Westens durch die Amerikaner gegen den Vietcong verteidigt sah. Und während Timm die beiden erinnern lässt, gelingt ihm eine wunderbar oszillierende Momentaufnahme davon, wie das Ändernwollen in der Mülloptimierung des einen und im kleinen Antiquariat des anderen gemündet ist. Und es gelingen Miniaturen wie die: "Die Dächer eingebrochen, und aus den Mauern sprießen Büsche und Bäume. Wie auch hier, ein Haus, dem oben auf dem Dach ein Kranz grünt". So blühen die Landschaften also doch im Osten.

Es gibt sie noch, die Kneipe. Und nicht selten kann man unter der Patina der Jahre die Gesichter von damals erkennen. Arno Schmidt-Leser? Die galten den Grass-Anhängern in der Zeit beleidigend als "Formaline", absichtsvoll nicht "Formalisten" genannt, sondern als eben im konservierenden Sprachsaft des Worte-Destillateurs Schmidt eingelegt. In jener Zeit, als die Stimme der Dichter "noch Strahlkraft hatte". Uwe Timms Novelle strahlt nicht, sie schimmert. Wie gut poliertes Messing. Sie funkelt im milden Licht jener Abendsonne, die noch vom heißen Tag weiß und davon, dass anders sein muss, wer selbst sein will.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Achtundsechziger Prelude 22. Juni 2011
Format:Gebundene Ausgabe|Von Amazon bestätigter Kauf
Dieses Buch ist Tertiärliteratur über Arno Schmidt. Es ist meine erste Timm-Begegnung, aber vermutlich nicht die letzte.
Für mich als ehemaligen Abonnenten des Bargfelder Boten war mir diese kurze Erzählung fast eine Notwendigkeit, nachdem sie mir ein alter Freund (der nie Arno Schmidt gelesen hat) empfohlen hatte.
Von Timm wusste ich nur, dass er einige ordentliche Preise (Döblin-Preis? nein, meine Erinnerung trog, es war nur der Boell-Preis) erhalten hat, was ihn empfiehlt, und ein ehemaliger DKPler ist, was ihn nicht empfiehlt.

Das Buch kann ich empfehlen. Mit 5 Sternen ist es allerdings gut bedient. 4 und ein halber hätten es auch getan. Die Story selbst hat Konstruktionsmängel, aber sie ist thematisch interessant genug für 5 (sofern man Schmidtianer ist oder war).
Sie spielt teils in den frühen 60ern, noch vor der Notstandsgesetzgebung und den dadurch ausgelösten Studentenunruhen, und teils heutzutage, in Anklam an der Peene, unweit der Ostsee. Der 60er Teil ist in München und Bargfeld angesiedelt, wobei ein Schmidtscher Kameoauftritt (nebst Alice) eher irrelevant bis albern ist. Wichtiger sind die Münchner Gespräche und Gedanken über ihn.

Der zeitgenössische Teil ist ein Treffen zweier Mitglieder der alten Clique, mit Reminiszenzen von alten Tagen, und Erzählungen vom Seitherigen, angereichert mit Ortskunde (viel 30jähriger Krieg und viel Bombardierung im 2. Weltkrieg, was als Erklärungsmittel für den lokalen Hang zur Xenophobie missbraucht wird). Nette Nebenwirkung durch die Tatsache, dass der Ort Heimat des Fliegers Otto Lilienthal war. Lilienthal war Thema und Titel des letzten unvollendeten Schmidt-Werkes (sofern meine Erinnerung mir keine Falle stellt).
Spass, aber nicht unbedingt nachhaltige Tiefenwirkung. Manche Bücher bleiben bei einem ohne dass man es erwartete. Von diesem erwarte ich es nicht ...
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21 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Sich nach dreißig Jahren plötzlich und unerwartet wiederzusehen, das ist schon eine gehörige Überraschung!
Hier der Lehrer aus Anklam, dort der Investor aus dem immer noch als 'Westen' bezeichneten vereinigten Deutschland.

So lange ist es her, dass sich die beiden an der Uni in München in der Mittagszeit zum "Freitisch"' einer spendablen Versicherung trafen! Arno Schmidt und Fragen, die sich um Gott und die Welt drehten, waren die gemeinsamen Bezugspunkte. Was ist aus ihnen und den anderen allen geworden?

Den Icherzähler hat es nach der Wende als Lehrer nach Anklam verschlagen, in eines der armen Länder der "Nachwendejahre". Der Jurist Euler beginnt bei dieser unerwarteten Begegnung erst langsam aufzutauen, als sich ihm der Icherzähler bei einem zufälligen Treffen vor dem Rathaus der Stadt zu erkennen gibt. Die Gedanken der beiden wandern zurück zu den frühen sechziger Jahren, ihrer gemeinsamen Studienzeit.

Uwe Timm ist der Meister der Erinnerungsliteratur. Auch hier gelingt ihm ein Rückblick, der alte Erwartungen, Hoffnungen und Erinnerungen weckt und zu der Frage führt, wie es denn für jeden einzelnen weitergegangen ist seit damals. Was wurde aus dem Dichter? Wer hat Frau und Kind, wer beruflich Erfolg gehabt?

Man kennt diese Begegnungen, bei denen die Blicke in die Vergangenheit tauchen, um allmählich Vergleiche anzustellen und Schicksale Revue passieren zu lassen.
Langsam, tastend und abwägend beäugen sich die beiden ehemaligen Kommilitonen und kommen zu den Fragen, die sie so brennend interessieren. Doch alles ist gelaufen, wie Lebensverläufe nun einmal sind: von einigen weiß man nichts mehr, die anderen haben sich bürgerlich etabliert oder sind unverheiratet geblieben.

Die in einem assoziativen Ton gehaltene Novelle, in der Uwe Timm die Vergangenheit hervorzaubert, präsentiert die sechziger Jahre treffend, sprachlich gewandt und genau. Noch lebte man in einer verhältnismäßig ruhigen Zeit, siezte sich und erging sich in Schwärmereien für den Schriftsteller Arno Schmidt. Höhere Bildung hatte noch einen Wert an sich. Die Thesen von Adorno, Marx und Herbert Marcuse waren bis dahin nicht Themen am Mittagstisch. Der Beginn in ein eigenes Leben verlief verhältnismäßig ruhig gemessen an dem, was später zuerst mit den Blumenkindern und noch später mit der RAF als Gipfel einer langen Aufbruchsphase aus der Studentenbewegung hervorging.

Leicht melancholisch gefärbt erscheinen die fernen Jahre den beiden ehemaligen Studenten. Aus einer Zufallsbegegnung ersteht die Vergangenheit. Man redet, erinnert sich und trennt sich wieder. So ist das Leben! Die Vergänglichkeit tritt offen zutage.
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