Der erste Satz von Anne Kuhlmeyers Krimi ist unglaublich schön. 'Die Nacht ist weg.' Wohin weg?, und warum?, fragt man sich sofort. Und schon ist man in der Welt der Autorin gefangen. Diese Welt ist keine heile Welt. Sie erinnert eher an ein Gemälde von Edward Hopper (Nachtfalken). Einzig, dass im Panoptikum von Kuhlmeyer mehr Figuren die Szene bevölkern. Aber auch sie sind vereinzelt, in sich selbst versunken und veloren wie die Porträtierten bei Hopper. Man redet mehr nebeneinander, als miteinander.
Dazu ein Beispiel eines typischen Dialogs:
'Es war wirklich hübsch hier, Tom. Du warst so ...' Sie zog die Unterlippe ein.
'Wir könnten im See baden, wenn du magst.' Er wollte nicht, dass sie wegfuhr.
' ... fürsorglich.' Auf ihrer Lippe blieb der Abdruck eines Zahns zurück.
Es sind aber nicht nur fein ziselierte Dialoge, die diesen Krimi so wertvoll machen. Kuhlmeyer schafft auch nachhaltige Bilder, weil sie mit leisen Tönen arbeitet, die daher aber umso mehr Resonanz entfalten. Dazu ein Zitat: - Ostendorp lächelte. Die Narbe an seiner Lippe lächelte mit.
Natürlich ist das Buch auch ein Krimi. Ein böser Chef wird umgebracht. Alle sind mehr als verdächtigt, denn alle haben gute Gründe diesen Mann zu beseitigen. Sogar zwei Täter stellen sich aufs Mal - und doch ist alles viel komplizierter, weil die Welt der Gedanken, der Gefühle, der Schuld, der Wut, der Scham, kurzum weil der Mensch viel komplizierter ist als alle Logik dieser Welt.
Es ist Anne Kuhlmeyer hoch anzurechnen, dass sie in ihrem Erstling nichts kopiert - obwohl sie das Krimihandwerk beherrst - sondern eine ureigene Setzung vornimmt. Sie lässt sich auf die komplexen inneren Welten von Protagonisten ein und erzählt mit vehementem Understatement von den Problemen miteinander umzugehen. Noch nicht immer gelingt das perfekt, aber Kuhlmeyer hat ein einzigartiges Werk geschaffen, das einen in den Bann zieht und Interesse weckt, wie sich die Autorin weiterentwickeln wird.
Der letzte Satz des Buches ist übrigens ebenso schön wie der erste. Er sei hier aber nicht verraten.
Empfehlung: Sehr lesenswert.