Die Literatur über Freimaurerei ist unübersehbar, und jedes Jahr erscheinen neue Bücher, die den Leser aufklären über ihre Hintergründe und Geschichte, die uns befreien möchten von allen Vorurteilen über Verschwörungen, dunkle Machenschaften und bisher unentdeckte Geheimnisse. Oder umgekehrt diese Vorurteile als berechtigt zu belegen versuchen.
Warum also noch ein Buch? Jeder Aspekt wurde ja bereits mehrfach beleuchtet, oder? Jeder? Philip Militz hat sich dem Versuch unterzogen, "die Lehren der altwürdigen Bruderschaft aus einem modernen Blickwinkel zu betrachten", wie er in seiner Einleitung hoffnungsvoll verspricht. Es überrascht ihn immer wieder, führt er dort aus, welche Summen Personalverantwortliche großer Firmen und gestresste Manager für Motivations- und Persönlichkeitsseminare ausgeben. In einer Freimaurerloge hätten sie dies fast umsonst bekommen, behauptet er und nennt die Freimaurerei mutig das "erfolgreichste Persönlichkeitstraining der Weltgeschichte".
Ob es nun wirklich das erfolgreichste ist, kann Militz natürlich auch nicht belegen, aber er macht sich daran, seine Behauptung unter verschiedenen Aspekten zu belegen. Dass er den Leser auch erst einmal über Geschichte, Entwicklung, Systeme, Rituale und dergleichen aufklärt, ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass er sich ja in erster Linie an Nichtfreimaurer wendet, somit erst einmal einen Grundkenntnisstand vermitteln muss. Er tut dies aber sehr geschickt, indem er sich nicht in Details verliert, sondern die großen Linien aufzeigt. Das ist ja bei einer weltweiten Bruderschaft mit 300-jähriger Geschichte nicht ganz einfach. Die Tatsachen sind richtig dargestellt. Einziger (Tipp-)fehler: Die Erstellung der noch heute gültigen Grundverfassung aller Freimaurerlogen der Welt wird leider um 1000 Jahre in das Jahr 723 zurückverlegt.
Auf den Blickwinkel der Persönlichkeitsbildung kommt Militz dann schnell zurück, indem er sich mit dem Inhalt der Symbole, Rituale und Grade im Lehrgebäude der Freimaurerei beschäftigt. "To make good men better" ist das Ziel der freimaurerischen Arbeit. Der Tempelbau, wie die Freimaurer symbolisch ihre Arbeit nennen, ist ein Symbol für ein harmonisches Miteinander der Menschheit. Die Dualität vieler freimaurerischer Symbole reflektiert die Dualität aller Dinge und unseres Lebens: "Geburt und Tod, Licht und Schatten, Krieg und Frieden, Vernunft und Gewis-sen".
Die drei Grundgrade der Freimaurerei (Lehrling ' Geselle ' Meister), besser eigentlich Erkenntnisstufen zu nennen, bringt er dann wieder in das Licht der Persönlichkeitsbildung. Die Selbsterkenntnis als Voraussetzung jeglicher Arbeit an sich selbst ("Schau in Dich!"), um sich an-schließend als nützliches Glied in die Gesellschaft einzufügen ("Schau um Dich!") und in dieser den eigentlichen Sinn des Lebens zu finden ("Schau über Dich"), wozu auch die Auseinandersetzung mit seiner Endlichkeit gehört. Militz verdeutlicht auch, dass dieses ein Lernprozess ist, der sich im Innern des Menschen über jahrelange Übung und durch ständige Wiederholung vollzieht. Freimaurer sprechen daher immer wieder von der Schönheit des Rituals, von der sie jedes Mal ergriffen werden. Vielleicht hätte der Autor noch deutlicher herausarbeiten können, dass diese Persönlichkeitsbildung nicht durch Indoktrination sondern durch Arbeit am eigenen Ich statt findet. Schließlich gibt es ja bekanntlich andere Gemeinschaften, die sich ebenfalls die Persönlichkeitsbildung zum Ziel setzen, hierbei aber mit ganz anderen Mitteln bis hin zur Gehirnwäsche und Persönlichkeitsverleugnung arbeiten.
Obwohl dieses Büchlein auf jeder Seite die Begeisterung des Autors für die Freimaurer, für die dort herrschende Brüderlichkeit und für die Modernität dieser jahrhundertealten Idee ausstrahlt, ist es doch keine Werbeschrift. Es versucht, den Aspekt der Persönlichkeitsbildung am eigenen Beispiel aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen im Personalcoaching zu verdeutlichen, ohne überreden zu wollen. Daher wird es denjenigen ansprechen, der schon auf der Suche nach dem eigenen Ich ist und weniger denjenigen, der die sensationelle Offenlegung bisher nicht be-kannter Geheimnisse sucht. Militz bedient sich einer erfreulich lockeren Sprache, ohne dabei salopp zu werden. So taucht auch für denjenigen, der mit der Materie schon vertraut ist (wie der Rezensent), nicht ein Moment der Langeweile auf. Es macht einfach Spaß, dieses kleine Büchlein zu lesen. Entsprechend heißt es auch etwas verwirrend "Freimaurer in 60 Minuten". Damit ist ja nicht gemeint, dass man in 60 Minuten Freimaurer werden könnte, was der Unbedarfte vermuten kann. Vielmehr ist der Titel der Serie des Thiele-Verlages geschuldet, die allerlei Themen als "Staunen im Stundentakt" darlegt. Verwirrend in der Tat, was aber dem Genuss der Lektüre keinen Abbruch tut.
Insgesamt sehr empfehlenswert.