Michael Forchers neuestes Werk "Anno Neun" steht als eines der ersten Publikationen, welche die Tiroler Freiheitskämpfe des Jahres 1809 zum Inhalt haben, neben der überarbeiteten Neuauflage von Meinrad Pizzininis "Andreas Hofer" am Beginn der Flut von Veröffentlichungen, die im Laufe des Jahres 2009 noch auf die Leser zukommen wird. Mit seinem profunden historischen Fachwissen und seinen exzellenten literarischen Fähigkeiten, die er schon kürzlich in seinem Buch "Die Geschichte der Stadt Innsbruck" unter Beweis stellte, gelingt es dem Autor, die Ereignisse dieses für Tirol so schicksalsreichen Jahres einem breiten Publikum näher zu bringen.
Nicht nur die Ereignisse, also die historischen Fakten, sondern die Hintergründe und Nachwirkungen werden in "Anno Neun" thematisiert. Schon im Vorwort hält Michael Forcher seinen Umgang mit der Materie fest: Es soll nicht die Person Andreas Hofer beurteilt, sondern die Geschehnisse im Jahr 1809 dargelegt werden, woraufhin sich der Leser seine eigene Meinung über diese Episode der Tiroler Landesgeschichte bilden kann.
Michael Forchers Erzählwerk wird von den meist guten Beziehungen zwischen Tirol und Bayern eingerahmt. Bereits im ersten Kapitel versucht der Autor die Gründe des Aufstandes von Teilen der Tiroler Bevölkerung zu erörtern. Diese können mit den "verhassten Maßnahmen der Münchner Regierung" auf den Punkt gebracht werden (S. 8). In den folgenden Kapiteln wird die direkte Vorgeschichte zu den Tiroler Freiheitskämpfen dargelegt. Im Frieden von Pressburg am 26. Dezember 1805 wurde die Angliederung von Tirol und Vorarlberg an das Königreich Bayern (seit 1. Januar 1806) beschlossen (S. 17). Dieser erzwungene Herrschaftswechsel und die damit einhergegangenen Reformen führten schließlich zur Erhebung der Tiroler Bauern im März 1809 (S. 24).
In den folgenden Seiten wird die Rolle des Österreichischen Hofes angesprochen, der die Tiroler zum Aufstand ermunterte, sich aber dann aus der Verantwortung zog und nicht helfend eingriff. Das sonst trockene Kriegsgeschehen mit den Bergiselschlachten und die wechselnde Herrschaft über Innsbruck, welche immer wieder Plünderungen mit sich brachte, werden durch Tagebucheinträge von Innsbrucker Zeitgenossen belebt.
Aufschlussreich ist der Abschnitt, in dem erklärt wird, warum die Schützen so erfolgreich im Kampf gegen die Bayern und Franzosen waren (S. 47).
Michael Forcher verabsäumt nicht die Rolle der Frauen in den Freiheitskämpfen anzusprechen. Auf drei Seiten (S. 76-78) erzählt er von einzelnen weiblichen Persönlichkeiten und die Rolle, welche die Frauen am heimatlichen Hof für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft spielten.
Mit Beurteilungen von einzelnen Protagonisten sonst zurückhaltend, geht Michael Forcher an zwei Stellen (S. 39 und 53) auf die Beziehung des damaligen Direktors des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und späteren Intendanten für Tirol, Joseph Hormayr, mit Andreas Hofer ein und stellt dort heraus, dass Hormayr den Sandwirten als Konkurrenten begriff.
Andreas Hofer, der erstmals auf Seite 27 auftaucht, wird mit den Schlagwörtern "Hausverstand, Bauernwitz, natürliches Rechtsempfinden, respektgebietendes Auftreten, Redlichkeit, Volksverbundenheit, Leutseligkeit, Frömmigkeit, Gottvertrauen, Patriotismus" charakterisiert. Sein Auftreten als stellvertretender Regent an der Spitze Tirols wird vom Autor als die einzige Möglichkeit, um das Versinken des Landes in Anarchie zu verhindern, beschrieben (S. 80).
Als der Krieg zwischen Österreich und Frankreich beendet war und sich die Niederlage der Tiroler abzeichnete, wird das Umschlagen einiger Schützen ins Fanatische, es kam dabei sogar zu Exekutionen in den eigenen Reihen, nachvollziehbar beschrieben (S. 103). Mit dem Sieg der Franzosen über die Aufständischen und einer kurzen Schilderung der Hinrichtung Andreas Hofers am 20. Februar 1810, wird in den letzten Kapiteln auf die Wiedereingliederung Tirols in das Österreichische Reich und die Rezeption der Freiheitskämpfe eingegangen. Gerade der Umgang mit der Geschichte von 1809 und deren langsamer Mythifizierung machen das letzte Kapitel zum wertvollsten des ganzen Buches.
Am Ende angekommen, zeichnet sich für den Leser ein Bild, das ein ereignisreiches Kriegsjahr und einen überwiegend positiv bewerteten Andreas Hofer beinhaltet. Michael Forcher versucht das Jahr 1809 mit einer neuen Wertigkeit zu belegen und fragt nach dessen neuen Funktionen für die Gegenwart.
Für das geschichtsinteressierte Publikum, welches sich über die Geschehnisse vor 200 Jahren informieren möchte, ist die narrative Historiographie von Michael Forcher sehr zu empfehlen. Das handliche Format und die auf 134 Seiten geglückt zusammengefassten Fakten, welche durch reichliche Zitate und zeitgenössische Darstellungen lebendig gemacht wurden, verursachen ein spannendes und informatives Leseerlebnis.