Die stellvertretende Vorsitzende und wirtschaftspolitische Sprecherin der Linken hat ein neues Buch mit dem Titel Freiheit statt Kapitalismus geschrieben. Der Name Sahra Wagenknecht ist für viele Konservative ein rotes Tuch. Die - jetzt ruhende - Mitgliedschaft der Politikerin in der kommunistischen Plattform der Linken sowie unbedachte Äußerungen aus ihrer Frühzeit haften im Gedächtnis.
Dabei kann es sich durchaus lohnen, sich mit den wirtschaftspolitischen Thesen der Sahra Wagenknecht auseinanderzusetzen. Menschen sind lernfähig, und die studierte Philosophin und Literaturwissenschaftlerin hat offensichtlich dazugelernt. Viele Ihrer Analysen hätten so auch von den Begründern der sozialen Marktwirtschaft - Ludwig Erhard, Wilhelm Röpke oder Alfred Müller-Armack -, die Wagenknecht ausgiebig zitiert, verfasst worden sein können. Eine Stalinistin ist Wagenknecht nicht, sondern eine Politikerin, die ihre Bücher selber schreibt und über ihren Gegenstand nachgedacht hat.
Wagenknecht demaskiert die Mythen und Schwachstellen des globalen Hyperkapitalismus. Dazu kann der sozialistische Standpunkt nur hilfreich sein. Schon der Ordoliberale Alexander Rüstow sprach in seiner Schrift Zwischen Kapitalismus und Kommunismus 1949 davon, dass Marxisten und Sozialisten eine bessere Krisentheorie als die liberalen Ökonomen hätten, weil sie einen größeren Abstand zum Geschehen haben.
Im ersten Teil, der mit Unproduktiver Kapitalismus überschrieben ist, zeigt sie auf, warum der heutige Hyperkapitalismus ein unproduktive und unfaire Ordnung ist. Die Macht der Finanzoligarchie - von den Nazis "Plutokratie", von Rudolf Hilferding das "internationale Finanzkapital" genannt - unterwirft sich die Politik ganzer Länder und führt letztlich zum dem jetzigen Sozialismus für Banken und Bankmanager: Banker können riskante Wetten eingehen. Gewinnen Sie, erhalten sie extreme Vergütungen, verlieren sie, zahlen alle. Damit entsteht das Gegenteil einer Leistungsgesellschaft und produziert gerade die Finanzoligarchie viele leistungsfreie Einkommen.
Wagenknecht prangert das Firmenmonopoly bloße Renditestreben in den Großkonzernen an. Wenn man ihr entgegenhält, dass sie sich damit nicht auf dem Boden einer Marktwirtschaft befindet, sollte man zweimal nachdenken. Schon Peter Drucker, der größte Managementdenker des 20ten Jahrhunderts, hat darauf hingewiesen, dass Unternehmen, die Kapitalrendite als oberstes Ziel haben, irgendwann zugrunde gehen. Gewinne werden nach Drucker dann dauerhaft gemacht, wenn das Unternehmen durch intelligente Produkte und Dienstleistungen dauerhaft Kunden zufriedenstellen kann. Die Rendite ist laut Drucker eine Residualgröße, wenn man seinen Job gut macht. Auch die Tatsache, dass heute meistens die Konzerne herrschen und sich die Politik kaufen und gefügig machen, wird detailliert erläutert und belegt.
Der zweite Teil - Kreativer Sozialismus: Einfach. Produktiv. Gerecht. - ist allerdings weiter eher Analyse als Präskripition. Interessant die Ausführungen zu den Staatsschulden. Von Ihnen lebt eine Klasse von Rentenbeziehern - leistungsfreie Einkommen. Der Französische Arzt Francois Quesnay (1694 - 1774) sprach zum ersten Mal von den Einkommen der verschiedenen Klassen - den Grundbesitzern, den Händlern und eben auch den Rentiers. Wagenknecht zeigt auf, dass in den letzten Jahrzehnten die Vermögen der Reichen um ungefähr dieselbe Summe gestiegen sind, wie auf der anderen Seite die Staatschulden. Das zwingt zum Nachdenken.
Öffentliche oder genossenschaftliche Banken lobt die Autorin - in Deutschland die Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken - hätten der Realwirtschaft besser als Goldman Sachs, McKinsey & Co. gedient und auch öffentliche Unternehmen funktionierten oftmals, zum Beispiel bei der Modernisierung Frankreichs.
Insgesamt bleiben die Lösungsvorschläge allerdings etwas vage. Die vorgeschlagene stückweise Überführung des Anteils von Großkonzernen in Belegschaftseigentum löst die Probleme noch nicht, obwohl gerade die Begründer der sozialen Marktwirtschaft sich eine breite Streuung des Aktienvermögens gewünscht haben.
Hier zeigt sich eine Schwäche der großen Utopien, sei es nun Kapitalismus oder Sozialismus. Für im heutigen Sinne Neoliberale richtet der Markt alles. Das ist der gängige Glaube. Für Sozialisten ist der Mensch primär gut. Sie übersehen, dass jeder Mensch gut und böse sein kann, dass der Mensch eine duale Natur hat. Mit anderen Worten: der Sozialismus hat nicht wirklich eine Theorie der Macht und Ihres Ge- und Missbrauchs in Organisationen und Staaten.
Die heutigen Konzerne sind massive Ansammlungen von Macht und gigantische Bürokratien. Schon Walther Rathenau, Siemens-Lenker und genialer Wirtschaftspolitiker, sprach von Beamten in den großen Konzernen. Josef Ackermann ist danach kein produktiver Unternehmer, sondern ein Spitzenbeamter, der nach bestimmten Regeln agiert.
Daneben haben die Staatsbeamten immer weniger Gewicht. Wir es gelingen, einen schlanken, aber starken neopreußischen Staat als Gegengewicht zu den globalen Konzernen zu bauen? Einen Staat, der die den Superreichen verpflichteten Konzerne, wieder in einen Ordnungsrahmen einbettet, der allen nützt? Werden wir es schaffen, Government statt Governance zu re-etablieren? Werden wir eine neue Staatselite aufbauen? Bei den Lösungsvorschlägen bleibt Sahra Wagenknecht vage. Das mindert aber nicht den Wert den hervorragenden Analyse.