Detlef Döring, H-Soz-u-Kult, 23. November 2005
[...] Das materielle Gerüst der Untersuchung (S. 9) bildete die Auswertung von studentischen Stammbüchern. Sicher gewährt diese lange vernachlässigte Quellengattung einen aussagekräftigen Zugang zu den Mentalitäten der Studenten jener Zeit. [...] Als überzeugendes Ergebnis ist zu registrieren, dass die Beschäftigung mit den revolutionären Vorgängen in Frankreich unter den Studierenden intensiver war, als die frühere Forschung annahm. Die Studentengeschichte gewinnt so Dimensionen, die über die in der Literatur sonst übliche Sittengeschichte weit hinausreichen. Zuzustimmen ist auch der Einordnung dieser Beobachtung in die These von der beginnenden Politisierung des öffentlichen Lebens in Deutschland schon im ausgehenden 18. Jahrhundert. Diese These ist nicht neu, wird hier aber nochmals untermauert.
Kurzbeschreibung
Nicht erst unter dem Einfluss der Befreiungskriege 1813/14, sondern schon in Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution begannen sich deutsche Studenten zu politisieren. Sie erwärmten sich für Menschenrechte, Verfassung und Republik, aber auch für Reformen des Universitätslebens. Diese Revolutionierung der Studenten stand ganz im Zeichen deutsch-französischer fraternite und war noch frei von national-deutschem Gedankengut. Die Bewegung für Freiheit und Gleichheit erlebte an den Universitäten ihren Höhepunkt 1794/95, als sich die öffentliche Meinung in Deutschland bereits von der Revolution abgewandt hatte. Durch die Analyse von 460 studentischen Stammbüchern, sowie in Auswertung archivalischer und literarischer Quellen zeichnen die Verfasser ein differenziertes Bild der ersten, kaum bekannten deutschen Studentenbewegung. Dabei konzentriert sich das Interesse auf die Universitäten in Tübingen, Mainz, Göttingen, Jena und Halle. Thematisiert wird der Einfluss von Professoren wie beispielsweise Kant, Fichte und Schiller. Das Buch bietet auch interessante neue Aspekte aus dem Leben von Studenten, die später berühmt wurden, wie etwa Tieck, Hölderlin und Beethoven.