An der Person Reinhold Messers scheiden sich von je her die Geister - gut erkennbar an der unterschiedlichen Resonanz, die derzeit der Film "Nanga Parbat" hervorruft, der vierzig Jahre nach dem Tod des Messner-Bruders Günther die Tragödie im Karakorum wieder aufrollt.
Als Vorbereitung für diesen Film habe ich das vorliegende Buch gelesen. Es handelt sich um die reich bebilderte Chronologie eines vierzigjährigen Bergsgeigerlebens in 56 Kapiteln - angefangen im Jahre 1949, als der gerade mal fünfjährige Reinhold an der Seite des Vaters seinen ersten Berg erstieg, bis zum Jahre 1989, als Messner mit einer großen Expedition an der Lhotse Südwand seine Extremkletterei beendet.
Dazwischen liegt eine Bergsteigerkarriere, wie es keine zweite gibt. Nachdem der junge Reinhold mit seinem Bruder Günther sämtliche interessanten Alpengipfel bezwungen hat, klettert er in Patagonien, in Alaska in Afrika und schließlich in Karakorum und im Himalaja, wo er im Jahre 1970 nach der Durchsteigung der Rupalwand am Nanga Parbat seinen Bruder verliert (S. 157-174). Messner, der sich zeitweise als Hilfslehrer das Geld für seine Expeditionen verdienen muss, wird bald berühmt, von denen einen als eine Art Übermensch bewundert, von den anderen als Egomane geächtet. Auf jeden Fall ist Messner anders als der Großteil seiner Profi-Bergsteigerzunft. Er klettert im alpinen Stil", d. h mit möglichst wenig Hilfsmitteln in die Wände, und was ihm dabei gelingt, verrückt die Grenzen des bis dahin für möglich Gehaltenen. Zweimal besteigt er den Mount Everest ohne Sauerstoffmaske, einmal sogar alleine vom Basislager in Rongbuk aus (S.309-321). Überall erschließt er neue Wege, und er ist auch der erste, der im Laufe eines einzigen Lebens alle vierzehn Achttausender der Erde bezwingt. Er ist der zweite "Seven Summitter", d.h. der zweite Mensch, der auf den höchsten Gipfeln aller sieben Kontinente stand (Asien: Mount Everest, Afrika: Kilimandscharo, Europa: Elburs (!), Nordamerika: Mount McKinley, Südamerika: Aconcagua, Australien/Ozeanien: Carszten Pyramide von Papua-Neuguinea und Antarktis: Mount Vinson )
Was ist das Geheimnis seines Erfolges? Soweit man dem vorliegenden Buch folgen kann, ist es seine unglaubliche Physis, eine steinerweichende Leidensfähigkeit, eine begnadete Kletterkunst - und ein untrügliches Sensorium für Gefahr und die Fähigkeit, auch kurz vor dem Gipfel umzukehren. Dafür nur ein Beispiel unter vielen, die in dem Buch geschildert werden. "Am nächsten Tag aber wurde ich unsicher", schreibt Messern über seinen Austieg zum Lhotse. "Je flacher das Gelände wurde, desto tiefer lag der Schnee, kristalliner Treibschnee, wie Zucker, meterhoch. Als ich dort stand, wo das letzte Lager geplant war, wusste ich, dass wir ein tödliches Risiko eingehen oder scheitern mussten. Schneebrettgefahr. Der Entschluss aufzugeben, wurde nicht diskutiert. Er stand fest." (S. 336) Vielleicht ist es sogar diese Vorsicht am Rande des absoluten Wagnisses, die Messners Sonerstellung ausmacht, denn die einzigen beiden ihm vergleichbaren Bergsteiger, der Tiroler Hermann Buhl, der den Nanga Parbat im Alleingang bezwang und der großartige Pole Jerzy Kukuczka, der 1989 an der Südwand des Lhotse weiterkletterte, wo Messner aufgab, fanden den Tod.
Das Buch ist voll solcher Stellen, in denen Messer allein in der Wand sein Leben einsetzt - in tödlicher Gefahr, aber wohlüberlegt, und versteht es, dem Leser diese Spannung in seiner lakonischen Sprache zu vermitteln. Messners Sätze sind wahrscheinlich wie sein Klettern: konkret, wirklichkeitsgestättigt und ohne Sprünge - jede Attitüde, jedes Pathos ist ihnen fremd. Messner bekennt sich zu seiner Passion, an den Herausforderungen der Natur seine Grenzen abzutesten, und ein unglaubliches Geschick hat ihn bislang vor dem Tod bewahrt. Nicht bewahrt hat es ihn vor einer ganzen Horde medialer Neider, die jeden seiner Schritte mit Missgunst verfolgen. Er ist halt genau das Gegenteil eines intellektuellen Sesselfurzers, der von seinem Sofa aus die Welt zu retten wünscht. Er ist ein Held im altertümlichen Sinne, der die Götter herausfordert aber niemals beleidigt - und wunderbar davon erzählt.