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Harry Frankfurt besichtigt die Innenwelt der Freiheit
Von Dieter Thomä
Auch in der Philosophie gibt es Paukenschläge. Einer erklang im Jahre 1971 beim Erscheinen von Harry Frankfurts Aufsatz «Willensfreiheit und der Begriff der Person». Der Essay enthielt einen Aufruf, unser Selbstverständnis zu verändern, und wies einen Ausweg aus der trostlosen Welt der Wahlfreiheit, in der man sich damit hätte begnügen müssen, seine Autonomie etwa in der Entscheidung zwischen Suppe und Salat auszuleben. Frankfurts Paukenschlag bestand einfach darin, bei den Wünschen und Entscheidungen einen doppelten Boden einzuziehen: Menschliche Freiheit habe ihren Ort so meinte er nicht in solchen Einzelentscheidungen selbst, sondern im Umgang mit unseren Wünschen, in Wertungen zweiter Ordnung, die den Einzelentscheidungen zugrunde liegen. Hier, in diesem doppelten Boden, spielt seitdem, was die Theorie der Person betrifft, die philosophische Musik. Sie setzt sich auch in diesem Bücherherbst fort, in dem neben einem Buch, das zutiefst von Frankfurt beeinflusst ist Peter Bieris «Handwerk der Freiheit» , eine deutsche Auswahl von Schriften Frankfurts erscheint. Die Sammlung «Freiheit und Selbstbestimmung» enthält Texte aus den Jahren 19691999, darunter noch einmal der Aufsatz von 1971. Die Hälfte des Bandes bietet neu übersetztes Material.
Nachklang
In der Philosophie ist es nicht anders als in der Musik: Wie eindrucksvoll der Paukenschlag auch sein mag, spannender noch ist der Nachklang. Bei Frankfurt umspielte er eine sich sogleich aufdrängende Frage: wie es nämlich überhaupt gelingen kann, einen solchen inneren Abstand zu einzelnen Wünschen herzustellen und zu stabilisieren, wie man also zu höherrangigen Wollensbekundungen, Überzeugungen findet und dabei als Person Kontur gewinnt. Deshalb genau schrieb Frankfurt Aufsätze über «die Nützlichkeit letzter Zwecke» und die «Notwendigkeit von Idealen». An ihnen zeigt sich ein irritierendes Problem: Zwar taugen solche Zwecke und Ideale dazu, einen Freiheitsspielraum gegenüber einzelnen Wünschen und Regungen zu schaffen, zugleich scheinen sie die Person doch festzulegen und damit deren Freiheit zu torpedieren. Bewegung dort scheint gepaart mit Erstarrung hier. Im Innenleben der Person tut sich ein Zwiespalt auf, wie ihn schon Georg Simmel Anfang des letzten Jahrhunderts beim Nachdenken über den «Abenteurer» einerseits, die Identität des Charakters andererseits erkundet hat.
Harry Frankfurt will diesen Zwiespalt zwischen Entscheidungen und Festlegungen nicht auflösen, sondern er will ihn lebbar machen. Hierzu hat er in jüngerer Zeit sein Modell der Staffelung oder Hierarchie von Wünschen einer Revision unterzogen: «In vielen Fällen», so schreibt er nun, wird «unser Verhalten und Denken nicht durch blosses Wollen geleitet. Oft ist es genauer und angemessener, das, was uns antreibt, so zu umschreiben, dass uns an etwas liegt oder wir etwas als wichtig für uns erachten.» Für diese Phänomene findet er einen eigenen Begriff: den des «Sich-Sorgens», und damit gibt er für die Selbstfestlegung eine positive Beschreibung: Wenn wir uns um etwas sorgen, dann identifizieren wir uns derart mit dem Menschen oder der Sache, an dem oder der uns liegt, dass wir diese Sorge nur unter Gefahr des Selbstverlustes fallenlassen können. Wer sich «aus ganzem Herzen» wie Frankfurt gerne sagt dieser Sorge widmet, wirkt ganz selbstlos, und doch handelt er auch um seiner selbst willen. Die Liebe zu seinen Kindern, die Harry Frankfurt als Beispiel anführt, ist in der Tat ganz selbstlos, und doch wäre es abwegig zu behaupten, sie sei nicht auch eine kostbare Erfahrung für den Liebenden selbst.
Wo bleibt da die «Freiheit der Person»? Jedenfalls kann sie sich nicht mehr auf die Erfahrung stützen, dass der Mensch als autonomes Wesen, als «unbewegter Beweger» den Anstoss im Spiel des Lebens ausführt. Freiheit verwandelt sich bei Frankfurt von der Auszeichnung einer Handlung zur Qualität eines seelischen Zustands, in dem man mit sich im Reinen ist und bei sich selbst gewissermassen aus dem Vollen schöpft. Wenn er von Selbstlosigkeit spricht, so schreit der Autor durchaus nicht als Feind der Freiheit nach neuen Bindungen. Er meint vielmehr, dass man gerade als Sorgender und Liebender über jenen unbefriedigenden Zustand hinausgelangt, in welchem man nur scheinbar frei ob der Vielfalt von Wahlmöglichkeiten ermüdet.
Und das Soziale?
Die hartnäckige Orientierung am inneren Befinden einer Person macht die Besonderheit von Frankfurts Ansatz aus. Er würde eine blosse Ablenkung darin sehen, die Identitätsbildung auf einen Prozess sozialer Zuschreibungen zurückzuführen, darauf also, dass man «auf etwas festgenagelt wird» oder «Farbe bekennt». Hier liegt freilich auch eine Grenze von Frankfurts Denken. Denn bei jenen selbstlosen Erfahrungen werden doch auch Gesichtspunkte bedeutsam, die eher mit der Aussenwelt als mit der Innenwelt zu tun haben: Ob sich das kostbare Gefühl, mit sich im Reinen zu sein, tatsächlich einstellt, dies hängt sicher nicht nur davon ab, wie gewissenhaft man sein «ganzes Herz» aushorcht, sondern auch davon, wie es um die sozialen Umstände bestellt ist, in denen man sich befindet. Dass die Identifikation mit einer Sache zu lieblosem Fanatismus führen kann, ist hinlänglich bekannt. Frankfurt hat eine bewunderungswürdige Expedition von der Ethik in die philosophische Psychologie unternommen; ihr Pendant, die Expedition von der Ethik in die Sozialphilosophie, verfolgt er nur mit halber Kraft.
Das Vorwort der Herausgeberinnen zu dem Band «Freiheit und Selbstbestimmung» gehört zu den merkwürdigeren Exemplaren seiner Gattung. Statt als intellektuelle Empfangsdamen zur Lektüre einzuladen, scheinen Monika Betzler und Barbara Guckes ihre Leser wie body guards (oder, wenn man so sagen darf, mind guards ) von Frankfurt fernhalten zu wollen. Nicht nur verweisen sie in Zitatnachweisen hartnäckig auf das amerikanische Original statt auf ihre eigene Edition, sie eröffnen auch ein Sperrfeuer aus Hinweisen auf teilweise «unüberwindliche Probleme» und erheben «schwerwiegende Einwände» gegen eine «letztlich nicht überzeugende Konzeption»: ganz genau wissen sie, was Frankfurt «ignoriert» oder «überzeichnet», wo er «scheitert», «uns ein Argument schuldig bleibt», etwas ihm «nicht gelingt» usw. Der Spruch, dass die Bedeutung eines Philosophen sich an der Heftigkeit des von ihm ausgelösten Widerspruchs ermessen lasse, wird hier ad absurdum geführt. Ihren rechten Platz und ihren guten Sinn hat diese Debatte in dem instruktiven Sammelband, der neben den Frankfurt-Texten gleichfalls von Betzler und Guckes, unter dem Titel «Autonomes Handeln», herausgebracht worden ist. Frankfurt zur Ehre und zum Schutze hier die dringende Empfehlung: Niemand möge sich davon abhalten lassen, ihn selber zu lesen.
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