Sowohl Michael Pauen wie auch Gerhard Roth wissen selbstverständlich, wie sich eine Theorie definiert, auch wenn es dabei durchaus Unterschiede zwischen den Geistes- und Naturwissenschaftlern gibt. Daher bin ich erstaunt, dass sie der Meinung sind, ihr gemeinsames Buch erfülle die Kriterien, die man gemeinhin an theoretische Modelle stellt. Selbst wenn davor das Wörtchen "Grundzüge" steht. Aber nachdem, was ich von den beiden Autoren bisher gelesen hatte, erwartete ich auch nicht, dass der Titel eingelöst wirklich wird. Ich fand es schon gut, dass sich die beiden Männer darum bemühten, ihre Ansichten über den freien Willen in ein gemeinsames Modell einzubinden. Enttäuscht war ich dann allerdings nach den ersten vierzig Seiten trotzdem. Denn vom Kapitel "Die philosophische Analyse des Begriffs Willensfreiheit" habe ich mehr erwartet. Vor allem eine sorgfältigere Vermeidung von Zirkelschlüssen. Allzu viele Formulierungen erinnerten mich an scholastische Gottesbeweise, deren oft verdrehter Logik man erst auf die Schliche kommt, wenn man immer wieder vor- und zurückblättert. Und da die einzelnen Kapitel keinem Autor zugeordnet sind, muss ich davon ausgehen, dass der Naturwissenschaftler Gerhard Roth diese philosophische Analyse abgesegnet hat. Möglich, dass er gegen die oft fahrigen Argumentationen keinen Einspruch erhob, weil er vor seinem Schritt in die Naturwissenschaften eine philosophische Ausbildung durchlief, während der er auch Zirkelschlüsse verinnerlichte. Wie auch immer, die neurologischen Ausführungen zum Thema haben mich weit mehr überzeugt.
Während der Lektüre fragte ich mich auch, an wen sich dieses Buch richtet. Denn viele Philosophen werden mit dem neurowissenschaftlichen Begriffsinventar ebenso Mühe haben wie Naturwissenschaftler mit dem Vokabular von Michael Pauen. Nun liegt das zwar in der Natur der Sache, wenn zwei Vertreter so unterschiedlicher Disziplinen ein gemeinsames Buch schreiben. Aber dennoch bin ich der Meinung, man hätte das Publikum besser auf die kommende Aufführung vorbereiten sollen. Oder, um bei dieser Metapher zu bleiben, ihm ein Programmheft in Form eines ausführlichen Anhangs in die Hand drücken müssen, in dem einzelne Szenen und ihre Darsteller besser erklärt werden. Das sehen offenbar auch andere Leser und Rezensenten so.
Bereut habe ich die Lektüre trotz der zahlreichen Unstimmigkeiten bei der logischen Beweisführung trotzdem nicht. Vor allem weil mir durch Umformulierungen bereits bekannter Standpunkte einige Ansichten klarer wurden, da die Autoren sie neu verknüpften und beschrieben. Bei Lesern, die neu in das Thema einsteigen, frage ich mich allerdings, ob sie nicht allzu oft über Thesen stolpern, um die Freude an der Lektüre nicht zu verlieren.
Mein Fazit: Die Einmischung namhafter Neurowissenschafter in Fragen der Philosophie hat in der Vergangenheit zu Abwehrreaktionen geführt, die mehr mit Polemik als mit ernsthafter Argumentation zu tun hatten. Wen sich nun Michael Pauen und Gerhard Roth in einem gemeinsam verfassten Buch zur schwierigen Frage äußern, ob der Mensch einen freien Willen hat, ist das überaus verdienstvoll. Die im Titel versprochene naturalistische Theorie der Willensfreiheit haben die beiden Wissenschaftler allerdings nicht verfasst.