Aus der Amazon.de-Redaktion
Was wenige wussten (und wissen): Der gebürtige Kolumbianer war schon immer in erster Linie Journalist, dazu ein ausgesprochen links orientierter, der bereits in den 50er-Jahren als Redakteur der alsbald verbotenen oppositionellen Zeitung El Espectador längere Zeit ins Exil ging. Erst sehr spät (1984) erschienen in Deutschland frühe Pressearbeiten, und jetzt legt der Verlag mit Veröffentlichungen der letzten drei Jahrzehnte nach. Die Zusammenstellung besorgte Márquez selbst. Sie ist sein politisches Bekenntnis an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, auch wenn (oder gerade weil) die älteren Beiträge sich mit den Geschichte gewordenen Freiheitskämpfen Lateinamerikas und deren Galionsfiguren beschäftigen. Das Hauptthema ist dabei fast immer die Macht: wer und warum gegen wen? Und vor allem: Gibt es einen Ausweg? Früher wäre Márquez als bekennender Sozialist um eine Antwort nicht verlegen gewesen, doch inzwischen scheint sich ein wenig Unsicherheit und Resignation breit zu machen. In einem kurzen Beitrag für das Time Magazine sieht der ehedem geduldige Optimist die Menschheit wegen der Zerstörung der Umwelt zum Untergang verurteilt. Damit überhaupt etwas helfen könne, müsse man die Führung der Welt den Frauen übertragen.
Diese neueste Sammlung journalistischer Arbeiten ist jenen ans Herz zu legen, die hinter dem literarisch Schaffenden den politisch Denkenden erkennen wollen. Melancholie, wie sie uns der Klappentext fälschlich anpreist, findet sich da wenig. --Jürgen Grande
Neue Zürcher Zeitung
Journalistische Arbeiten von Gabriel García Márquez
Als Gabriel García Márquez 1955 seinen ersten Roman, «Der Laubsturm», publizierte, war er 28 Jahre alt. Zu jenem Zeitpunkt war er bereits einer der bekanntesten jungen Literaten in Kolumbien und einer der besten Journalisten. Seinen ersten Artikel hatte er mit 21 Jahren veröffentlicht, in kurzer Folge durchlief er verschiedene Sparten dieses Berufs: Kolumnist, Redaktor, Chefredaktor. Seine Leidenschaft für den Journalismus hat García Márquez nie verloren, auch nicht, als er zu literarischem Ruhm gelangte. Er hat einmal gesagt, dass der Journalismus seine eigentliche Berufung sei, sie erlaube ihm, den Kontakt mit der Wirklichkeit aufrechtzuerhalten. Unter seinen jüngsten Zeitungsarbeiten ist ein Porträt des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, eine Arbeit voller Kolorit und Sympathie, doch ohne analytischen Scharfsinn.
Trotz seinen literarischen Neigungen beschränkten sich García Márquez' journalistische Themen indes nicht aufs Schöngeistige. Die Bandbreite der Themen, wie sie in den annähernd 4000 Seiten der insgesamt sechs Bände mit gesammelten journalistischen Arbeiten (Auszüge auf Deutsch unter den Titeln «Die Giraffe aus Barranquilla», «Der Beobachter aus Bogotá», «Zwischen Karibik und Moskau») zum Ausdruck kommt, ist in unserer Zeit der Spezialisierung verblüffend. Bisweilen haben sich journalistische Themen zu Büchern ausgewachsen. Das bekannteste ist der «Bericht eines Schiffbrüchigen» (1955), in dem der Autor Korruption in der Marine aufdeckte und dafür sogar um sein Leben fürchten musste. Diese Reportage ist inzwischen Literatur geworden: Man liest sie mit höchster Spannung, ohne den Kontext kennen zu müssen. Mit exzellentem Sinn für Spannung sind auch «Die Abenteuer des Miguel Littín» (1986) erzählt. Darin geht es um den chilenischen Filmregisseur Miguel Littín, der 1985 nach zwölf Jahren Exil inkognito nach Chile zurückkehrte und unerkannt eine Bestandesaufnahme des Landes unter der Diktatur drehte.
Die jetzt auf Deutsch vorliegende Sammlung «Frei sein und unabhängig» (1999, «Por la libre») versammelt längere journalistische Arbeiten aus den Jahren 1974 bis 1995. Die meisten erschienen ursprünglich in der kolumbianischen Zeitschrift «Alternativa», an deren Gründung 1974 García Márquez auch finanziell beteiligt war. Viele dieser Beiträge sind politischer, ja propagandistischer Natur. Dabei zeigt sich, wie rasch solche Texte veralten. Die Berichte aus Kuba, in denen García Márquez in Schönfärbereien schwelgt, haben wahrscheinlich schon vor zwanzig Jahren ziemlich eindimensional gewirkt. Und wer will heute Erklärungen dafür lesen, warum die Tragödie der vietnamesischen «Boat-People» nicht der kommunistischen Regierung anzulasten ist? Die Aufdeckung der amerikanischen Machenschaften beim Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende 1973 ist auch nicht mehr ganz taufrisch, selbst der Ton der Empörung hat Patina angesetzt. Und die Nelkenrevolution in Portugal liegt schon zu viele Jahre zurück, als dass sich des Autors Enthusiasmus auf den Leser übertrüge. Zwei lange Artikel über Kubas militärisches Engagement in Angola sind reine Kriegstrommelei. Und die beiden Texte über die Montoneros, die terroristische Stadtguerilla aus Buenos Aires, möchte man am liebsten überblättern.
Viele dieser Texte sind journalistisch in dem Sinn, als sie über den Anlass hinaus kaum Bestand haben. Sie zwischen zwei Buchdeckeln zu neuem Leben zu erwecken, hat wenig Sinn; sie dürften bei den wenigsten Liebhabern von García Márquez' Romanen und Erzählungen auf Begeisterung stossen. Doch man stösst in diesem Band auch auf andere Arbeiten, solche, die nicht direkt politisch sind oder in denen der Autor sich thematisch von seinem Gegenstand distanziert und den Stoff auf eine andere, eine literarische Ebene verlagert. «Der Coup der Sandinisten» etwa lebt von einer Wirklichkeit, die phantastisch anmutet. García Márquez rollt darin jene unglaubliche Episode während des Kampfes der Sandinisten gegen Anastasio Somoza auf, als eine Handvoll blutjunger Guerilleros 1978 den Nationalpalast stürmten und das gesamte Parlament Nicaraguas gefangen setzten. Ein anderes, halluzinierendes Beispiel ist die Chronik des Realen und des Möglichen im Zusammenhang mit dem mysteriösen Verschwinden von Jaime Bateman, Chef der kolumbianischen Guerillagruppe M-19, im Jahre 1983. Eindrücklich, weil aus eigener Anschauung geschildert, sind García Márquez' Erinnerungen an seine erste Begegnung mit Kuba kurz nach der Revolution 1959 und an die ersten Auswirkungen des amerikanischen Embargos im kubanischen Alltag. Mit Herzblut geschrieben sind die Texte über Kolumbien, seine Heimat, die García Márquez schon lange verlassen hat. Nachdem Kolumbien sich kürzlich mit dem «Plan Colombia» der politischen und militärischen Einflussnahme durch die USA so weit geöffnet hat wie nie zuvor, lesen sich diese Texte von García Márquez als willkommene Darstellung dessen, was dazu geführt hat.
Georg Sütterlin
Kurzbeschreibung
"Der Leser muss das Gefühl haben, selbst am Schauplatz der Ereignisse zu sein", sagt Garcia Marquez. Und dieses Gefühl der Unmittelbarkeit stellt sich bei diesen Reportagen sofort ein, ob der Autor nun über den ersten und für ihn so entscheidenden Besuch in Havanna schreibt oder über den Tod Allendes in Chile, über das zerstörte Vietnam und den Wiederaufbau dort oder über die politischen Ereignisse in Nicaragua und Panama. Die politische Welt des Garcia Marquez' - von Kolumbien bis Angola, von Kuba bis Spanien und Portugal - mit ihren Helden und Märtyrern, ihren Hoffnungen und Enttäuschungen - entsteht lebendig und packend in diesen Texten. Sein Denken und sein Engagement sowie seine scharfe journalistische Beobachtungsgabe spiegeln sich in den Schilderungen von Begegnungen mit Politikern oder in Interviews mit Zeitzeugen wie Regis Debray.Die glänzend erzählten, bisher in Europa unveröffentlichten Reportagen des Literatur-Nobelpreisträgers sind "in Melancholie getaucht" (El Pais) und zeigen die andere Seite von Garcia Marquez' literarischem Schaffen.
"Der Virtuose des Konkreten" (Dieter E. Zimmer, Die Zeit)
Gabriel Garcia Marquez wurde am 6. März 1928 in Aracataca (Kolumbien) geboren, schrieb zunächst Filmdrehbücher, dann Erzählungen, Romane und Reportagen.
1982 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.