Geschickt getrickst hat Stefan Gwildis ja schon auf seinen bisherigen Alben. Zwischen all die Motown- und sonst woher stammenden Soul-Klassiker, mogelte er den einen oder anderen eigenen neu fabrizierten Song. Daß dies nicht groß auffiel, schon gar nicht negativ, ist Kompliment und Bestätigung genug, es doch nun auch mal ein ganzes Album lang zu wagen.
Jetzt, fast dreieinhalb Jahre nach seinem letzten Album "Wünscht' du wärst hier", läuft, singt, musiziert Stefan Gwildis freihändig. Und er stolpert nicht, wackelt auch nicht beim gehen, läuft genauso sicher wie früher an der Hand geliehener Welthits.
Man muß gar nicht einzelne Songs sezieren, um "Freihändig" zu beschreiben. Das Klangbild, der satte, dicke, warme Soulsound ist nach wie vor da, vertraut und wohlig.
Und wenn man früher beim ersten Hören eines neuen Albums bei jedem Song zu Beginn dachte "Ah ja, kenn ich, ist doch im Original von soundso und der englische Titel lautet Brabbelbla", hört man heute das neue Album und denk sich "Ah ja, kenn ich, ist doch im Original von... nee Moment, kenn ich doch nicht, klingt aber so, als würde ich es schon seit hundert Jahren lieben!"
Gwildis und seine Mannschaft beweisen nichts geringeres, als das, was in den 60er und 70ern in Montown und Umgebung ging, auch heute noch in Hamburg und Umgebung geht. Man braucht einfach nur ein paar Leute mit einer kolossal großen Seele, mit Sinn für Musik die sich gleichmäßig auf Beine, Herz und Kopf verteilt und die ihre Instrumente lieben und beherrschen. Ab geht's und Klassiker für die Zukunft werden geboren.
Das Team um den Hamburger Soulman ist eingespielt und einsatzerprobt, Martin Langer und Tobi Neumann konnten sich als Komponisten mehr einbringen als es bei den Coversong dominierten Platten bisher möglich war und der Chef schrieb (Musiken und Texte) reichlich mit. Das Pe Werner einen Text beisteuerte ist nett, aber der wieder einmal hohe Textanteil von Michy Reincke, sichert die Platte auch für alle ab, die nicht nur mittanzen sondern auch genauer zuhören. Wo Michy Reincke den Bleistift anspitzt, fällt kurz darauf Lyrik aus den Sternen.
Und mit "Ohne Dich" hat das Album ein amtliches Duett mit der zauberhaften Regy Clasen, was man versehentlich für ein hinreißendes Liebeslied halten könnte - Text hören!
Das Album beweist, dass Stefan Gwildis auf große Hits vergangener Epochen nicht angewiesen ist, er kann auch eigene schaffen und sie selbstbewusst daneben stellen.
Tolle Platte! (Apropos, eine Pressung auf Vinyl aller Gwildis Alben, wär doch mal 'ne schwarze runde Sache!)