Freiheit - ein Mythos, der eine gesamte Nation in ihrem Handeln und Denken bis zum heutigen Tage formt und uns guten alte Europäern doch fern bleibt: Jeder hat das Recht, eine Waffe zu tragen, denn alles andere wäre doch ein Verstoß gegen die Freiheit. Eine allgemeine staatlich organisierte Krankenversicherung? Nichts als sozialistisches Teufelszeug, denn wo bleibe da denn die Freiheit des Einzelnen. Und ein Sozialversicherungssystem wie in Europa kommt schon gar nicht in die Tüte, da könnte man ja auch gleich nach Nordkorea ziehen. "Freedom" lautet der Titel des lang erwarteten Romans von Jonathan Franzen. Im Zentrum steht, stellvertretend für einen ganzen Kulturkreis, die vierköpfige Familie Berglund, die im Verlauf der tragisch-komischen Geschichte allesamt erfahren, was es bedeutet, zur Freiheit verurteilt zu sein.
Die ersten 20 Seiten des Romans erzählen brillant den Verfall einer einst angesehenen Familie aus der amerikanischen Mittelschicht. Walter und Patty Berglund wohnen mit ihren Kindern Joey und Jessica in Ramsey Hill, einer kleinen mittelständigen Vorortsidylle. Er arbeitet als Anwalt für Umweltfragen, der ökologisch korrekt mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und sie ist leidenschaftliche Hausfrau und hilft allen in der Nachbarschaft gerne aus. Doch urplötzlich ändert sich alles: Patty fängt an zu trinken und schlitzt Autoreifen auf. Joey zieht zu den ultrakonservativen Nachbarn, mit deren Tochter er ein Verhältnis hat und Walter arbeitet auf einmal für eine Kohlefirma. Und dann ziehen die Berglunds weg und alle stellen sich die Fragen: Was steckt hinter der einst so vorbildlich wirkenden Familie? Wie ist sie geworden, als was sie erschien und was für Abgründe liegen hinter deren Schicksal?
Das Entlarven dieser Abgründe erfolgt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven. Zuerst lesen wir Pattys Autobiografie, geschrieben in der 3. Person Singular, als Ergebnis ihrer psychotherapeutischen Behandlung. Im Zentrum dieser Beichte stehen der Beginn ihrer Beziehung zu Walter und die Bedeutung von Richard Katz, Walters Jugendfreund. Zusammen mit den Perspektiven Walters, Joeys und Richards entsteht das Panorama einer Familie, bestehend aus Menschen, die in ihrem Handeln allesamt gefangen sind in den Mustern, von denen sie in ihrer Vergangenheit geprägt worden sind. Und wo bleibt da die Freiheit? Freiheit erscheint bloß als Illusion, denn der Mensch kann zwar tun was er will, aber niemals wollen was er will.
"The personality so susceptible to the dream of limitless freedom is a personality also prone, should the dream ever sour, to misanthropy amd rage" (445). Franzen ist ein kleines Meisterwerk gelungen, dem man die jahrelange Arbeit anmerkt. Die Charaktere werden allesamt, mit leichten Abstrichen bei Jessica, so genau und überzeugend dargestellt, dass die menschlichen Abgründe hinter den Figuren für den Leser zu erahnen sind und er bei ihrem Kampf gegen die Herausforderungen und Zumutungen der Existenz atemlos mitlebt und mitleidet. Zudem ist "Freedom" das Porträt einer ganzen Nation, die hoffnungslos dem Mythos der Freiheit verfallen ist und auf dem schlechtesten Wege ist, so der unterschwellig Tenor des Romans, auf den Pfaden der Familie Berglund zu wandeln. Die USA radikalisieren sich immer mehr, vor allem nach rechts. Präsident Obama hat sich bereits vor offizieller Veröffentlichung des Romans sein Exemplar gesichert. Das ist sicherlich ein gutes Zeichen. Besser für das Land und den Rest der Welt wäre es aber, wenn auch ein paar der Tea-Party-Fundamentalisten das Buch lesen würden, um einen Blick hinter die Fassade der Ideologie zu werfen, der sie so kritiklos wie emphatisch nacheifern.