Frei" sein heisst, seinem Instrument grenzüberschreitende Spielräume zu eröffnen. Wenn es zusätzlich noch gelingt, kommerziell verträglich zu bleiben, kann einem beim Thema E-Bass eigentlich nur der Name Marcus Miller einfallen. Und in der Tat: auch in dem vorliegenden Werk mit den sinnigen Titel bleibt MM dem Strickmuster seiner Vorgängeralben treu. Mit gewohnt dickem Daumen reizt der Mann, der dem großen Miles Davis Mitte der 80er Jahre den Weg zur Synthese aus Jazz und Pop bereitet hat, die Soundklaviatur seines Instrumentes aus und dürfte diejenigen, die sich an seinen slap-dominierten, funkigen Stil gewöhnt haben, wiederholt in seinen Bann ziehen. Bereits der Opener "Blast" ist die rhythmisch-dominante Visitenkarte des Albums, das im weiteren Verlauf in eher ruhige, melodisch-fließende Bahnen übergeht. Durch die Vokaleinlagen von Corinne Bailey Rae, die den Titelsong gefühlvoll intoniert und Keb Mo auf "Milky Way" lässt Miller seine instrumentale Dominanz vorübergehend in den Hintergrund treten und selbst die ansonsten "gefürchtete" Bassklarinette kommt lediglich in dem Klassiker "When I fall in love" spürbar zum Ausdruck. Was sichtlich fehlt ist innovative Originalität, die "Free" angesichts der hohen Meßlatte vergangener Miller-Produktionen eine eher kurze musikalische Lebensdauer bescheren dürfte. In Ermangelung der interpretatorischen Vielfalt des Vorgängeralbums "Silver rain" scheint der kompositorische Elan, der zuletzt auf "The sun don't lie" intensiv zu spüren war, den Kommerzialitätsanforderungen des Marktes ein weiteres Mal zum Opfer gefallen zu sein.