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Während der 24 epigrammartig aufgebauten und reich verzierten Präludien und der überragenden Sonate Nr. 2 spielt er seine unverkennbare Persönlichkeit mit überzeugender Intensität. Einige Variationen -- wie der im Gegensatz zur Interpretation von Pollini fast zwei Minuten längere Trauermarsch -- scheinen schon beim ersten Hinhören unverblümt schicksalhaft. Besonders in den fesselnden Anfangsminuten wird seine nahezu orakelhafte Überzeugungskraft spürbar. Kissin herrscht über die zwischen Intro- und Extrovertiertheit schwebenden chopinschen Werke, er springt zwischen den Kontrasten, verziert die Höhepunkte und zeigt den fantastischen Rhythmus der Präludien seines Meisters. --Thomas May
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Die 24 Préludes stellen eine Sammlung einzelner, teilweise nur skizzenartig "hingeworfener" Stücke dar, die die ganze Bandbreite des pianistischen Ausdrucks Chopin widergeben: von lyrischer Expressivität (z.B. Nr. 6 oder Nr. 15) bis hin zu Virtuosität der höchsten Schwierigkeitsstufe (etwa Nr. 12). Evgeny Kissin stellt sich dieser Sammlung mit der ihm eigenen Kombination aus technischer Perfektion, einer großen Palette an Klangfarben und dem nötigen "Feuer". Er verleiht jedem einzelnen Prélude seinen ihm zustehenden Charakter und scheut dabei nicht davor zurück, extrem schnelle Tempi zu gehen (z.B. bei Nr. 10 oder Nr. 16), die ihm technisch keine Probleme zu bereiten scheinen. Meines Erachtens vernachlässigt er dabei aber manchmal die Melodieführung - so kommt etwa bei Nr. 16 die linke Hand zu stark zur Geltung, bei Nr. 12 die Melodie teilweise zu stark vom Rhythmus der linken Hand überdeckt oder bleibt die Schlußstrecke der Nr. 18 im Pedal hängen. Andere Stücke sind jedoch genial gespielt, so etwa die halsbrecherisch schnelle Nr. 16 oder die wunderbar gestaltete Nr. 17. Eine Deutung "aus einem Guß", auch wenn sie manchen Hörern zu stark von ihrer Persönlichkeit geprägt ist, stellt als Alternative die Einspielung Martha Argerichs dar (Deutsche Grammophon).
Die zweite Klaviersonate b-moll gestaltet Kissin mit Verständnis für deren Struktur, einem untrüglichen Gespür für den Verlauf von Spannungsbögen und einem von keinen technischen Problemen begrenztem Reichtum an Klangschattierungen und Tempi-Variationen. Diese Fähigkeiten geben der Aufnahme einen mehr als überdurchschnittlichen Charakter, auch wenn meiner Ansicht nach Leif Ove Andsnes vor einigen Jahren eine noch gelungenere Einspielung präsentiert hat (Virgin). - Die abschließende "heroische" Polonaise ist ebenfalls technisch unanfechtbar, aber meines Ermessens nach nicht ausdrucksstark genug gespielt, Kissin spielt über viele Details zu schnell hinweg, gibt sich nicht genug Freiheiten. Was man aus diesem Stück herausholen kann, hat wieder einmal Martha Argerich mit einer einzigartigen Einspielung (bei Deutscher Grammophon, die EMI-Aufnahme ist nicht ganz so gut) bewiesen.
Die exzellente Klangqualität und das etwas genügsame Beiheft rechtfertigen es, dieser insgesamt überdurchschnittlich guten Einspielung eine Kaufempfehlung auszusprechen; wer aber Referenzeinspielungen der einzelnen Stücke sucht, sollte sich woanders umsehen.
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