Nein, eine Biographie im üblichen Sinne ist das nun wirklich nicht. Darauf weist der Autor bereits im einleitenden Kapitel "Erste Begegnung" hin. Denn Freddy Quinn hat ihm mit dem Anwalt gedroht, falls er über ihn schreibe. Elmar Kraushaar, Journalist, Schriftsteller und Kenner der Schlagerszene hat es trotzdem gemacht. Und das finde ich gut. Auch weil Freddy Quinns 1960 erschienene Autobiographie "Lieder, die das Leben schrieb" ein PR-Produkt seines Komponisten und Förderers Lotar Olias ist.
Obwohl der Bravo-Starschnitt von Freddy Quinn nie in meinem Zimmer hing, klingen seine größten Hits auch in meinen Ohren nach. Und weil damals die Eltern das abendliche Fernsehprogramm bestimmten, kann ich mich sogar schwach an die zahlreichen "Freddy und...-Filme" erinnern. Aber ein großer Freund deutscher Schlagerkunst war ich eigentlich nie. Schon gar nicht wenn sie von Heino & Co vorgetragen wurde. Wenn ich mich trotz einer gewissen Distanz zu Freddy Quinn für sein Leben interessiere, dann liegt das vor allem an meiner Neugier auf Geschichten, die Menschen prägen. Und unter diesem Gesichtspunkt ist diese Biographie außergewöhnlich faszinierend. Denn so wie Karl May bestätigt auch Freddy Quinn den Satz von Max Frisch "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält."
Elmar Kraushaar investierte viel Zeit, um an Informationen zu gelangen, mit denen sich Fiktion und Realität auseinanderhalten lassen. Und dass ihm dies trotzdem nur ansatzweise gelingt, erstaunt mich noch immer. Denn schließlich lebte Freddy Quinn nicht vor zweihundert Jahren in einem fremden Land, sondern wurde 1931 in Wien geboren. Und auch wenn im zweiten Weltkrieg viele Dokumente verloren gingen, finde ich es doch unglaublich, wie Freddy Quinn Spuren verwischen konnte, die nicht zu seiner Version eines Lebensabschnitts passten.
Wie sehr jemand sein Leben neu erfindet, finde ich unter moralischem Gesichtspunkt eher langweilig. Spannend wird es für mich, wenn ich als Beobachter dabei sein kann, wie Freddy Quinn und Lotar Olias das Drehbuch für die Inszenierung eines Künstlerlebens schreiben und sorgfältig ein Image aufbauen. Tragisch wird es, wenn dieses Image für die Karriere so wichtig wird, dass man ihm nicht mehr entfliehen kann, ohne den Absturz zu riskieren. Wenn Freddy Quinn die Anschaffung seines Schiffs "Libertas" für den größten Fehler seines Lebens hält, das Bild vom sehnsüchtigen Matrosen nicht mehr los wird, seine langjährige Beziehung zu Lilli Blessmann geheim halten muss, statt an ihrem Begräbnis in der Bild-Zeitung trauert, nie ernsthafte Filmrollen erhält und nicht vom Glauben loslassen kann, er müsse der Karriere zuliebe auf allen Hochzeiten tanzen.
So sehr sich Elmar Kraushaar darum bemüht, fehlende Puzzleteile zu ergänzen, bleibt am Schluss doch ein unvollständiges Bild. Doch der Versuchung, sich als abgewiesener Biograph mit hässlichen Spekulationen zu rächen, ist Elmar Kraushaar nicht erlegen. Was sich nicht nachweisen lässt, bleibt offen. Und wenn es verschiedene Varianten einer Geschichte gibt, erzählt er sie alle. Damit bleibt er nicht nur fair, sondern lässt den Leser auch am Erfindungsreichtum von Freddy Quinn teilhaben. Weniger erpicht auf theatralische Inszenierungen waren allerdings die Richter, die über das Strafmaß für Freddy Quinns Steuerhinterziehung urteilen mussten. Dennoch machten die erzählten Geschichten offenbar so großen Eindruck, dass es weit milder ausfiel, als die Forderung des Staatsanwalts.
Über die unausgefüllten Lücken trösten auch hinweg, dass Elmar Kraushaar das Leben von Freddy Quinn in die Musikgeschichte einbettet, was ihm als Kenner der Szene leicht fällt. Zudem verhindern solche Ausflüge in die Unterhaltungsindustrie einseitige Schuldzuweisungen. Und wer die Medien braucht, wird von ihnen auch missbraucht. Das hat Freddy Quinn vielleicht zu spät begriffen.
Mein Fazit: Freddy Quinn hat sich aus verschiedenen Gründen ein Leben zusammengereimt, das mit der Realität oft wenig zu tun hatte. Wie so viele Künstler suchte auch er auf der Bühne und im Scheinwerferlicht, was er als Kind zu wenig bekam, nämlich Aufmerksamkeit und Anerkennung. Elmar Kraushaar hat eine Biographie geschrieben, die Freddy Quinn wohl kaum in allen Teilen gefallen wird. Falls er sie überhaupt liest, würde er feststellen, dass Elmar Kraushaar nie den Ton einer Abrechnung anschlägt und Ungerades auch gerade lassen kann. Auch ein Buch darüber, wie Stars gemacht werden und wie einsam es an der Spitze ist.