'Die Außenhaut des Büro- und Apartmenthauses (') wirkte mit ihren gebrochen funkelnden Spiegelflächen aus Chrom, Glas und Stahl, als ob sie jemanden wie mich einfach an sich abgleiten lassen könnte.' ' Der Krimi 'Freakshow' von Jörg Juretzka überzeugt mich auf verschiedenen Ebenen. Zunächst ist da der Privatdetektiv Kristof Kryszinski als Protagonist und Sympathieträger, der nicht ohne Selbstironie als Wachmann in einer forensischen Klinik anheuert, weil er abgebrannt ist und aus seiner Wohnung fliegt. Als Detektiv sieht er sich mit immer mehr absurden Fällen konfrontiert, die es zu lösen gilt und die dazu führen, dass er unter chronischem Schlafmangel leidet. Meines Erachtens bleibt nicht nur die Suche nach einem gestohlenen Auto, Baustoffdieben und Saboteuren, Peinigern eines Behinderten aus der Klinik sowie nach einem jugendlichen Opfer sexueller Gewalt bis zuletzt spannend. Vielmehr sind es die Verwicklungen und abenteuerlichen Notlagen, in die der Privatdetektiv selbst gerät, die einen zum Lachen bringen, aber einem auch mitunter den Atem rauben. Für den Protagonisten ist nämlich nicht nur Amtsanmaßung eine Droge, sondern er versucht mit unüblichen Ermittlungsmethoden jegliches Chrom, Glas und Stahl zu überwinden. Der Kriminalroman von Juretzka funktioniert auch deshalb so gut, weil der Protagonist sich mit einer gewissen Selbstsicherheit und ohne Scheu in Milieus bewegt, die eher am Rande der Gesellschaft anzusiedeln sind. Wie der Titel 'Freakshow' nahelegt, handelt es sich bei den Figuren des Romans meist um Marginalisierte, psychisch Kranke, Behinderte, durchgeknallte Typen und Kopfgeldjäger ' Freaks eben. Der Protagonist wirft zwar einen humorvollen Blick auf diese Figuren, kommentiert nüchtern die Ereignisse, ohne jedoch herablassend zu sein. Denn er ist selbst ein Freak. Die Erzählinstanz fängt etwa mit einer gewissen Komik den Alltag in einer forensischen Klinik ein und spricht von erfahrenen Psychiatrie-Patienten, die 'in der Lage (sind), so gut wie alles zu ihren Gunsten ausgelegt zu bekommen'. Den Psychiatrie-Patienten werden im Krimi die Bewohner einer nahe gelegenen Siedlung gegenübergestellt, eine religiöse Sekte, die mit religiösem Fanatismus und der Abwertung alles 'Kranken' bzw. der 'abartigen Verbrecher' den Kampf gegen den Bau der Forensik aufgenommen hat. Es sind mitunter auch diese mit viel Komik durchsetzten 'Milieustudien', die den Krimi so spannend machen. Doch damit nicht genug. Der zumindest in Ansätzen vorgenommenen Reduktion von Frauen auf ihren Körper, die Teil der Hauptfigur ist, wird nicht ohne Ironie die Figur Priscilla gegenübergestellt, Trans-Gender und ohne jegliches Schmerzempfinden. Neben Kinderpornos und der Suche nach einem pädophilen Sadisten, der zudem noch ein ehemaliger Luxemburgischer Untersuchungsrichter ist, sind eine Inzestgeschichte, Fesselspiele und selbst aufgenommene Pornos mit Behinderten zugleich Tabubrüche und Auflösung eines Teils des Rätsels. Doch 'Freakshow' lebt nicht nur von Milieus, Themen und Ereignissen bzw. den zu lösenden Kriminalfällen, sondern besonders von Ironie, Absurdität, schlagfertigen Dialogen und trockenen Kommentaren sowie Übertreibungen: 'Also schlug ich ihn kommentarlos zu Boden und trat auf ihn ein, bis er nicht mehr atmete. / Nein, Scherz. Ich sah ihn nur an, und er stellte das Atmen von ganz allein ein (').'