Die Einspielung des hochartifiziellen Marienleichs (hier »Frauenleich« genannt) bei der Deutschen Harmonia Mundi ist ein echter Gewinn für Freunde mittelalterlicher Musik und auch für die rechte Rezeption des Leichs: im Mittelalter wurden solche Dichtungen immer gesungen vorgetragen, so daß alleinige Lektüre oder Hören des gesprochenen Worts einen Verlust gegenüber der Sinneserfahrung der ersten und frühesten Hörer darstellt. Die Aufnahme gefällt mir durchweg sehr gut. Die Übersetzung des mittelhochdeutschen Leichs ins Deutsche, Englische und Französische allerdings läßt an vielen Stellen zu wünschen übrig. Es sei dem Übersetzer zugestanden, daß Frauenlob oft sehr komplizierte Wendungen dichtet, seine Gedankengänge sind auf den ersten Blick oft nicht recht eingängig für moderne, das mittelalterliche Denken ungewohnte und wenig bibelfeste Ohren, und schon viele haben sich an ihm die Zähne ausgebissen. Ich habe mich ein ganzes Semester in einem Oberseminar mit dem Leich befassen dürfen, und es sind noch überaus zahlreiche Stellen unklar geblieben. Aufgrund der Übersetzung habe ich mir erlaubt, nicht 5, sondern bloß 4 Sterne zu vergeben.