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Über Schönheit und Scham
Lange Jahre haben feministische Wissenschafterinnen geklagt, dass sich mit dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern ausser ihnen niemand beschäftigen mag. Nun scheint es so weit zu sein der Mann hat das Thema Männer und Frauen entdeckt. Gleich zwei Bücher, deren Titel eine Auseinandersetzung mit dem männlichen Blick auf den weiblichen Körper verspricht, sind in den letzten Monaten auf dem deutschsprachigen Büchermarkt erschienen.
Das gut 300 Seiten starke Werk von Jean-Claude Kaufmann über Frauenkörper und Männerblicke konnte bei seinem Erscheinen in Frankreich eine ganze Reihe von Doppelseiten in Zeitschriften mit Beschlag belegen. Kein Wunder, schliesslich dreht sich alles um richtige Ferienthemen: den Strand und die nackten Busen, die dort zu sehen sind. In rund 300 Interviews mit 200 Frauen und 100 Männern hat Kaufmann an verschiedenen Stränden Frankreichs eine Fülle an empirischem Material zum Sonnenbad oben ohne zusammengetragen. Er lässt die Befragten ausführlich zu Wort kommen und anhand der Zitate zahlreiche Details von Strandkonventionen und Verhaltensnormen. Schon die Wahl des Liegeplatzes ist ein kompliziertes Austarieren der Gegebenheiten. Wenn sich eine Frau für das Sonnenbaden ohne Bikinioberteil entschieden hat, hängt es ganz von ihrem Verhalten ab, wie sehr sie sich fremden Blicken aussetzt: im Liegen fällt sie am wenigsten auf, in aufrechter Körperhaltung ist sie schon exponierter, und schnelle Bewegungen oder gar ein Strandspaziergang mit nacktem Busen ziehen die Blicke unverhohlen an.
Schnelldurchlauf
Allerdings scheint Kaufmann das Thema, nachdem er einen zweiseitigen Schnelldurchlauf durch Norbert Elias' Überlegungen zum Zivilisationsprozess hinter sich gebracht hat, zumindest zeitweilig zu entgleiten; anstatt sich bei der Beschreibung der Strandszenen auf eine Analyse der Männerblicke einzulassen, wiederholt er immer wieder die in den Interviews zum besten gegebene Weisheit, dass ein Busen schön sein müsse, um zu gefallen. Auch bei der Suche nach der Motivation von Frauen, ihren nackten Busen der Sonne auszusetzen, rutscht er unvermittelt ab in pathetische Vorstellungen von unkontrollierbarer weiblicher Körperlichkeit: «Häufig hat der Körper befohlen, ohne dass der Kopf ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte, einfach besiegt von diesem Wunsch, der aus dem tiefsten Inneren des Selbst kam.»
Auch Kaufmanns Umgang mit seinen Quellen ist wenig differenziert: Aussagen sind Aussagen, ohne Rücksicht darauf, ob sie von Männern über Frauen oder von Frauen über sich selbst gemacht werden. Vor dem Hintergrund dieser Unbekümmertheit im Umgang mit empirischem Material verwundert es dann auch nicht, wenn er keinen Gedanken daran verschwendet, warum er zwar die Blicke von Frauen entgegen der Ankündigung im Titel einbezieht, die Körper der Männer jedoch das gesamte Buch über unsichtbar bleiben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die «Männerblicke» nicht nur Untersuchungsgegenstand sind, sondern auch Forscherperspektive.
Die abschliessende Einbindung des voyeuristischen Strandspaziergangs in Elias' Konzept des Zivilisationsprozesses versöhnt ein Stück weit mit den vorangehenden zweihundert Seiten. Kernaussage ist die Feststellung, dass die Zurschaustellung des Busens als Banalisierung der Nacktheit und damit als Teil einer Entwicklung zu begreifen sei, in welcher die Rigidität von gesellschaftlichen Regelungen mit zunehmender Selbstkontrolle abnimmt. Den Dutzenden von unkommentierten Auslassungen über schöne und hässliche Brüste wird endlich das Faktum gegenübergestellt, dass Schönheit kulturell konstruiert ist. Auch die Normierung gerade des nackten Körpers als Korsett, das weitgehende Zwänge in der Modellierung von Körperformen zur Folge hat, findet schliesslich Erwähnung.
Wenn sich Kaufmann damit beschäftigt, warum die Frau sich des Bikinioberteils entledigt, sind Nicolaus Sombarts Überlegungen über die schöne Frau letzten Endes von der Frage geprägt, warum sie das Höschen anlassen muss. Diese plumpe Vorwegnahme von Sombarts These der Faszination und Furcht des Mannes vor dem Geschlecht der Frau, welche er in einem eleganten Streifzug durch die Kunstgeschichte entwickelt, wird zugegebenermassen dem Aufbau seines Essays nicht gerecht. Sombart stellt seinen Ausführungen die Erkenntnis voran, dass die «schöne Frau» nicht existiere: «Sie ist ein Produkt der männlichen Phantasie.»
Er relativiert gleich zu Anfang alle potentiellen Einwände gegen seine Überlegungen, indem er sich selbst als Angehöriger der patriarchalischen Kultur positioniert und die Möglichkeit nicht ausschliesst, dass die «schöne Frau» als Erfindung der okzidentalen Hochkultur «bereits ins Museum gehört und zwar ins Völkerkundemuseum». Anhand von Schillers Gedicht «Das verschleierte Bild von Sais» legt er die erste Spur seiner Detektivarbeit, mit der er das, was die Frau vor dem Auge des Mannes verbirgt, als Metapher für Wahrheitssuche interpretiert: «Das Geheimnis der Wahrheit ist das Geheimnis der Frau.» Über eine Reihe von Frauendarstellungen in der bildenden Kunst entwickelt er sein Konzept des weiblichen Geschlechtsteils, das vom Manne immer gesucht, dessen Anblick jedoch nicht ertragen wird.
Matrize der Ängste
Bis hierhin verfolgt die Leserin seine Ausführungen mit wachsender Spannung um dann hart enttäuscht zu werden. Anstatt die Dekonstruktion männlicher Vorstellungen von Weiblichkeit voranzutreiben, verstrickt sich Sombart in freudianischen Interpretationen; hier tritt die anfangs thematisierte Konstruiertheit von Schönheit und Geschlechtlichkeit völlig zurück hinter Bilder der gefährlichen Vagina, der Vagina dentata, der Vagina als Kastrationswunde und -drohung zugleich, die eine anthropologische Konstante suggerieren: «Die Einmütigkeit dieses Eingeständnisses durch alle Zeiten und Kulturen ist überwältigend: Der zentrale Ort ist angstbesetzt. Man könnte glauben, er sei die Matrize aller Ängste.»
Auch wenn diese Wendung der Thematik hin zur Postulierung der zeitlosen, ewigen Kluft zwischen Mann und Frau Sombarts einführenden Prämissen vollständig widerspricht, sind seine abschliessenden Überlegungen dennoch zumindest im Kontext der europäischen, bürgerlichen Kultur bedenkenswert: Die schöne Frau, die zu allen Zeiten anders aussieht, ist ein Fetisch, sie ist das «ungefährliche Weib, das nun nicht mehr Objekt eines sexuellen Begehrens, sondern das Idol eines ästhetischen Kults wird». Die schlanke Frau als Hermaphrodit, der die Sehnsucht nach Ganzheit spiegelt, entsexualisiert die Frau und macht sie dadurch zur Metapher, zur Utopie. In einem rhetorischen Bogen beendet Sombart seinen Essay, wie er ihn begann: mit einem Gedicht, in welchem sich nun das anfangs Verborgene als Medusa zeigt.
Die Klagen feministischer Wissenschafterinnen werden nach der Lektüre beider Bücher wohl nicht verstummen; solche Formen der Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht, die eher affirmativ zu nennen sind, als dass sie stereotype Wahrnehmungsweisen aufbrechen, sind möglicherweise ein Pyrrhussieg. Aber zumindest die «Schöne Frau» von Sombart ist ein ausgesprochen schön geschriebenes Buch zum Weiterdenken, und wer Spass an Strandblicken mit gering dosierten Theorieeinsprengseln hat, ist auch mit Kaufmanns Männerblicken auf Frauenkörper gut bedient.
Franziska Roller -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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