Zurück ins Labor!
Vom «Los der Frauen» in der Wissenschaft
«Geist hat kein Geschlecht» ist ein Satz dubioser Herkunft, suspekter Absicht und von fragwürdigem Wahrheitsgehalt. Ob der weibliche «Geist», nennen wir ihn lieber «Intellekt», anders funktioniert als der männliche, dazu gibt es verschiedene Meinungen. Sie beruhen meistens auf Alltagserfahrungen und Alltagserlebnissen, die mal für das eine, mal für das andere sprechen. Man wüsste gerne mehr. Der stolze Satz «Frauen forschen anders», placiert auf dem Deckel eines Buches eines wissenschaftlichen Verlages, suggeriert, dass man inzwischen tatsächlich mehr darüber weiss, was in weiblichen Gehirnen vor sich geht, wenn sie denken und forschen.
In der ersten Hälfte von Londa Schiebingers Buch erfährt man nichts darüber. Stattdessen liest man, was man schon immer wusste, zum Beispiel: «Je höher man in der wissenschaftlichen Hierarchie steigt, desto weniger Frauen wird man finden.» Manche Frauen leiden zudem im Beruf unter der «täglichen Dosis kleiner Beleidigungen und Anzüglichkeiten». Auch ist das Spielzeug heutzutage «kein bisschen weniger geschlechtsspezifisch» als früher gestaltet. Dafür können heute Frauen «eine breite Auswahl praktischer Kleidung finden, die zugleich attraktiv ist»; ja, man höre, «eine ernstzunehmende Feministin kann jetzt durchaus feuerroten Lippenstift tragen, wenn sie das will». Gleichwohl bleibt es eine «traurige Tatsache», dass «Frauen ihre Fähigkeiten und Erfolgsaussichten häufig unterschätzen». Wie auch anders? «Für eine arbeitende Frau ist die Familie ein Handicap, eine zusätzliche Belastung, die ihre Karriere in Mitleidenschaft zu ziehen droht», während der Mann abends nach Hause kommt «zu einer warmen Mahlzeit, einer wohlorganisierten Familie und einem vollständig eingespielten Sozialleben».
Es regnet Banalitäten. Unbekannt bleibt, ob Frauen anders forschen. Wenn ja, könnten dafür statt oder neben Lippenstift und Spielzeug, also statt oder neben den sattsam erforschten soziokulturellen Bedingungen, wohl auch Gene und Gehirne verantwortlich sein.
Genforschung und Gehirnforschung verzeichnen in den letzten Jahren rasante Fortschritte in ihren Erkenntnismöglichkeiten. Dass die beiden Disziplinen auch für die XX-Chromosomen und für womöglich spezifisch weibliche Gehirnfunktionen oder Gehirnrinden zuständig sind, darf man vermuten. Forschungen und Resultate der Gen- und Gehirnforschung kommen bei Londa Schiebinger jedoch so gut wie gar nicht vor. Wo sie, beiläufig, die Messungen eines Neurologen zur Kenntnis nimmt es ging um die Aktivitäten weiblicher und männlicher Gehirne bei der Lösung mathematischer Aufgaben , schliesst sie mit der unverbindlichen Feststellung, dass Männer und Frauen «ihre Hirne unterschiedlich zu nutzen scheinen». Womit wir, auf Seite 232!, beim thema probandum wären, das aber schnell wieder fallengelassen wird.
«Thema verfehlt!», müsste deshalb das harsche Urteil lauten. Es wäre ein wenig ungerecht. Zutreffender ist: «Titel verfehlt!», und für diesen ist, neben der Autorin, die ihn autorisiert hat, der Verlag C. H. Beck verantwortlich. Er hat aus dem bescheidenen Titel «Has Feminism Changed Science?» («Hat der Feminismus die Naturwissenschaften verändert?») die philologisch falsche, sachlich irreführende «Übersetzung» fabriziert: «Frauen forschen anders». Die genarrte Leserin wünscht sich ein dem Lebensmittelgesetz vergleichbares Büchergesetz, welches garantiert, dass in der Packung drin ist, was draufsteht.
Ihrem im Originaltitel ausgewiesenen Anliegen ist die Autorin in der zweiten Hälfte des Buches fleissig und mit durchaus interessanten Ergebnissen nachgekommen. Da Frauen in manchen Fächern, Primatologie und Medizin, sowohl als Forschungssubjekte wie als Forschungsobjekte präsenter sind denn je, sind auch Forschungsrichtungen und -ansichten in Bewegung geraten. Wenn auch offen bleibt, ob Frauen anders forschen, so sieht man immerhin, dass sie häufig etwas anderes erforschen als ihre männlichen Kollegen. Dass das Erkenntnisinteresse den Gegenstand von Forschung bestimmt und nicht etwa umgekehrt, dessen ist man sich schon lange sicher. Jetzt weiss man, dass dies auch im Fall weiblicher Erkenntnisinteressen so ist. In anderen, den sogenannten «harten» Disziplinen hingegen, Physik und Mathematik, hat sich wenig geändert. Weshalb Londa Schiebingers Klagen, dass die Wissenschaften an «männlichen Werten» orientiert sind, kein Ende nehmen.
Es ist diese das Buch durchziehende Larmoyanz, die Klage über «das Los der Frauen» (sic!), welche die durch die Mogelverpackung ausgelöste Enttäuschung zur Verärgerung steigert. Ist doch das Los der Frauen gerade in der Wissenschaftswelt seit Jahren ein durchaus erträgliches und kann, dank «speziellen Fördermassnahmen» (welch hässliches, diskriminierendes Wort), sogar ein Glückslos sein. Was also fehlt zum Glück? Frauen machen seltener Karriere, sind rar in Spitzenpositionen. Richtig. Aber «Karriere» ist ein «Wert», der so männlich ist wie kaum ein anderer. Londa Schiebinger unterwirft sich ihm blindlings. «Ältere Männer sterben an Herzkrankheiten, was auch berufsbedingt sein mag», stellt sie fest. Woher nimmt sie dann eigentlich ihre Gewissheit, dass es gut für Frauen sei, männliche Karrieremuster zu imitieren, statt sich nach alternativen und bekömmlicheren Lebensentwürfen umzusehen?
Ein aufgeklärter Feminismus müsste, so scheint mir, sich schon etwas mehr einfallen lassen, als in vorauseilendem Gehorsam eine Forderung zu erfüllen, die nicht zuletzt die Forderung einer Männergesellschaft ist. Und wenn ihm nichts mehr einfällt, dann ist es wohl Zeit, aufzuhören, über Differenzen zu klagen. Dann sollte man besser an den Schreibtisch oder ins Labor zurückkehren, um Differenzen zu erforschen. Zum Beispiel, ob Männer anders forschen.
Marie Theres Fögen