"Frauen" war von Anfang an ein seltsamer Roman und ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich erkannt habe, worum es eigentlich geht. Im ersten Teil des Romans beginnt es ganz harmlos. Eva erkundet die Umgebung ihrer neuen Wohnung, freut sich über den Luxus, freundet sich mit Nachbarn an und denkt an Hrafn. Man erfährt, dass er sich von ihr getrennt hat, weil sie ein Alkoholproblem hat. Nach und nach wird es auch immer deutlicher, dass er Recht hat. An dieser Stelle setzt der Autor das Problem einer Beziehung mit einem Alkoholiker sehr gut um. Man spürt die Verzweiflung von Hrafn und liest die Beteuerungen von Eva eher aus seiner Sicht, auch wenn der ganze Roman aus ihrer Sicht geschrieben ist. Mehr als einmal hat man ja schon gelesen, wie sie nicht vom Alkohol lassen kann und kann ihr deshalb die Beteuerungen nicht glauben.
Vom Charakter her ist Eva erstmal viel zu vertrauensselig. Wer stellt einer ihm praktisch unbekannten Person schon kostenlos ein Luxusappartement zur Verfügung? Sie freundet sich, weil sie es nicht erträgt allein zu sein, mit zwei Nachbarinnen an und ist auch hier viel zu naiv, als sich die ersten Ungereimtheiten auftun. Als sie irgendwann darauf kommt, dass sie ihr Leben nicht in dem Appartement ändern kann ist es schon zu spät. Wenn man das symbolisch nimmt, kann man davon ausgehen, dass es nicht nur für einen Auszug aus dem Appartement zu spät war, sondern generell für einen kompletten Neuanfang. Der hätte in ihrer Vergangenheit stattfinden müssen, damit ihre Beziehung zu Hrafn noch eine Chance hat. Insgesamt war mir Eva nicht wirklich sympathisch bis zu dieser Stelle, weil sich viel zu sehr in ihrem Elend suhlt und den Alkohol die Kontrolle übernehmen lässt.
Teil 2 des Romans verändert dann alles. Wo es vorher noch ruhig (Spaziergänge) und freundlich (Nachbarinnen) zuging, sind nun alle Wege in die Freiheit versperrt. Eva versucht verzweifelt aus ihrem Gefängnis auszubrechen und muss schließlich erkennen, dass es unmöglich ist. An diesem Zeitpunkt ist man sich als Leser noch nicht sicher, ob es der Realität oder dem Alkohol geschuldet ist, dass sie eingesperrt ist. Erst nach und nach wird klar, dass es wohl die Wirklichkeit ist. Nun wird einem Eva kurzzeitig doch noch sympathisch. Man leidet mit und kann nicht erwarten zu lesen, was als nächstes passiert. Im Endeffekt ist Teil 2 des Romans auch endlich die Geschichte, die ich bei dem Klappentext erwartet hatte. In diesem Teil wird auch nach und nach aufgelöst, was es mit der Situation auf sich hat. Tragisch ist an dieser Stelle, dass Eva auf Grund des Alkohols die Situation völlig falsch einschätzt und viel zu spät erkennt, dass alles eine Falle ist. Ihr wurde längere Zeit die Möglichkeit gegeben das Appartement zu verlassen und wenn sie genauer auf Andere und nicht nur auf ihr Elend geachtet hätte, wäre es ihr auch aufgefallen, dass sie besser so schnell wie möglich verschwinden sollte.
Ich war überrascht, wie wenig der Klappentext dem Roman gerecht wird. "Frauen" ist nicht einfach nur ein Thriller und wird von mir auch nicht als solcher wahrgenommen. Obwohl Teil 2 der Geschichte sehr spannend ist, geht Frauen irgendwie tiefer und nach kurzer Zeit ist es nicht mehr wichtig, wer sie eingesperrt hat, sondern wie sie ihre Dämonen bekämpft. Auch einige Tage nach dem Lesen bewegt mich die Geschichte und ich denke über sie nach, denn Frauen ist zeitgleich voller Möglichkeiten, wie es hätte sein können. Hätte Hrafn sie zurückgenommen, hätte sie aufgehört zu trinken, bevor es zu spät war - das sind alles Gedanken, die mir durch den Kopf geschossen sind, als ich das Buch zugeklappt habe. Insgesamt ist "Frauen" also ein sehr lesenswerter Roman, in dem viel mehr steckt, als man auf dem ersten (Lese-)Blick erkennt.