Kurzbeschreibung
Es gibt nicht nur in der Archäologie, sondern auch in der Filmgeschichte sensationelle Funde: 1971 tauchte der verschollene japanische Avantgardefilm 'Eine verrückte Seite' (Kurutta Ippeiji) aus dem Jahr 1926 wieder auf, ein visuell überwältigendes Meisterwerk von Kinugasa Teinosuke, ebenso faszinierend wie schwer verständlich.
Mariann Lewinsky, Japanologin und Filmhistorikerin, erschliesst die Entstehungsgeschichte des Films im Kontext der japanischen Avantgarde der zwanziger Jahre. Wichtige Quellentexte sind in Übersetzung zugänglich gemacht, darunter das Drehbuch, Tagebuchauszüge und eine die Dreharbeiten beschreibende Kurzgeschichte des späteren Nobelpreisträgers Kawabati Yasunari, damals ein junger Literat der Avantgardegruppe 'Neue Wahrnehmung'. Im Zentrum steht die eingehende Interpretation des Films, der uns nicht nur als ein historisches Ereignis und als altes, von der Zeit fragmentiertes Objekt begegnet, sondern auch als gegenwärtiges Kunstwerk.
Die Erforschung des Einzelfalls wird zu einer Einführung in das japanische Kino der Stummfilmzeit - seine gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen, die Erzählkunst der Filmerklärer, das Verhältnis zum Theater - und in das komplexe Verhältnis zwischen Japan und dem Westen. Schliesslich geht es um grundsätzliche Probleme der Beziehung zwischen zwei sich fremden Kulturen und zwei sich fernen Zeiten, der Gegenwart und der Vergangenheit.