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Frauen sehen Frauen zeigt auf über 200 Seiten, wie der oft beschworene "weibliche Blick" definiert werden kann. Herausgeber Lothar Schirmer hat für Eine Bildgeschichte der Frauen-Photographie von Julia Margaret Cameron bis Inez van Lamsweerde eindrucksvolle Porträts nicht nur von schillernden Diven, sondern auch von Arbeiterinnen, Müttern, Töchtern, Frauen am Rande der Gesellschaft, Künstlerinnen und Selbstporträts von Fotografinnen zusammengestellt. Diesen Kapiteln, chronologisch aufgeteilt in die Jahrzehnte, wird Theorie vorausgeschickt mit einem Essay von Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, in dem die Genealogie des "weiblichen Blicks" in bemerkenswerten Fassetten erörtert wird.
Die Aufnahmen zeigen einen Querschnitt durch die Fotografie des 20. Jahrhunderts mit seinen Anfängen im 19. Jahrhundert. Sie reichen von Bekanntem und viel Zitiertem wie z.B. Lotte Jacobis Porträt von Lotte Lenya oder die "Badende auf Coney Island" von Lisette Model. Natürlich gibt es aber auch viel Neues zu entdecken. Interessant sind hierbei weniger die Aufnahmen weiblicher Prominenz als vielmehr die eingefangenen Momente im Leben unbekannter Frauen auf Straßen oder experimentelle und avantgardistische Fotokunst und die oft verblüffenden Selbstporträts der Künstlerinnen.
Aber ist das alles so anders oder besonders, nur weil die Frauenporträts von Frauen stammen? Bronfen gibt hierzu mehrere Ansatzpunkte, wie man dieser Fülle an unterschiedlichem Bildmaterial einen sinnstiftenden Rahmen geben kann. Sie unterstellt der in diesem Band dargestellten Bildgeschichte nicht eine Andersartigkeit, weil sie von Frauen kommt, sondern einfach eine bewusste Reflexion der Situation, in der das Foto aufgenommen wurde. Der historische und psychologische Kontext darf hierbei nie außer Acht gelassen werden. Fotografie von Frauen wird dadurch auch oft zu einer Geschichte der Vertrautheit, zum einen zwischen der Fotografin und der Porträtierten, aber auch zwischen der Porträtierten und der Betrachterin. Ein weiterer Gesichtspunkt, der die Betrachtung von Frauen durch Frauen durchzieht, ist die Subversion herkömmlicher Bilder von Frauen und dem weiblichen Körper -- und auch der Erwartungen der Betrachter.
Ein Punkt der Ausstattung des Bandes spiegelt zudem die angesprochene Vertrautheit, die sich im Anhang äußert: Dort sind Kurzbiografien aller im Band vorkommenden Frauen versammelt (soweit bekannt), der Index unterteilt nicht in Künstlerin versus Modell.
Alles in allem ist dies ein gelungener, aufregender und anregender Gang durch den weiblichen Teil der Geschichte der Fotografie im 20. Jahrhundert. Empfehlenswert für alle, die sich für Fotografie interessieren -- oder dafür, wie Frauen Frauen sehen. --Gabi Bauer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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