Nur weil eine Frau etwas besonders gut kann, heißt das noch lange nicht, dass sie damit auch ihren Lebensunterhalt verdienen sollte. Wenn dem so wäre, dann müssten die weiblichen Mitglieder der Familie Belle allesamt als Freudenmädchen arbeiten. Es ist allgemein bekannt, dass die Damen harte Männer wie Butter in der heißen Bratpfanne schmelzen lassen können und dass sie ebenso begabt sind, diesen Prozess wieder umzukehren.
Die Belles leben auf einem Felsvorsprung in einem Haus, das den Fluss überblickt, und es kommt einem so vor, als seien seine Besitzer ihres Geldes schon lange überdrüssig. Geißblatt rankt sich um die Säulen der Veranda wie Fäden um eine Spule, und wild wie Unkraut wuchernde Rosen bohren sich in den Verputz wie Ungezieferlarven.
Es wird für immer ein Geheimnis bleiben, wo der Rasen des Anwesens endet und der angrenzende Friedhof beginnt. Menschen wie die Belles haben kein Problem, in enger Nachbarschaft mit den Toten zu leben.
Es ist schon einige Jahre her, da hat die Historische Gesellschaft große Anstrengungen unternommen, unsere langweilige kleine Stadt in eine Touristenattraktion zu verwandeln. Man hat eine Messingplakette am Tor zum Anwesen der Belles anbringen lassen und das alte Haus zu einer historischen Sehenswürdigkeit deklariert.
»Bellereve«, steht auf der Plakette zu lesen, »wurde im Jahr 1851 von Colonel Bedford Braxton Belle für seine Braut Musette erbaut. Während des Bürgerkriegs war darin ein Lazarett für Soldaten beider Armeen untergebracht, die in der Schlacht um Fort Donelson verwundet worden waren.«
Geschichte sollte man niemals wörtlich nehmen. Entweder glorifizieren die Leute sie, oder sie reden sie schlecht. Zumindest verleihen sie ihr eine gewisse Färbung. Was die Plakette verschweigt, ist die Tatsache, dass auf den Ziegelsteinen die Fingerabdrücke unzähliger Sklaven eingebrannt sind und dass das Blut der verwundeten Soldaten durch die Zimmerdecke sickert und wässrig rote Tropfen wie Tränen von den Kronleuchtern fallen, wenn es zu regnen beginnt ganz gleich, wie oft das Haus verputzt und neu gestrichen wird.
Die Plakette klärt den Besucher auch nicht darüber auf, dass Musette franko-kanadischer Abstammung und die zweite Frau von Bedford Braxton Belle war.
Seine erste Frau war zwar weder tot noch von ihm geschieden, aber Musette hatte eine Art an sich, die jeden Mann um den Verstand brachte und ihn vergessen ließ, dass zu Hause bereits eine Frau auf ihn wartete. Musette hatte schwarzes Haar und schwarze Augen und konnte die Zukunft besser lesen als die meisten Männer die Zeitung. Und wenn ihr nicht gefiel, was sie sah, setzte sie alles daran, es zu ändern.
»Lavenir nest pas taillé dans la pierre«, pflegte sie zu sagen, während sie langsam die Karten umdrehte, »seulement votre épitaphe.«
Was nichts anderes heißt, als: »Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt, nur unsere Grabinschrift.«
Man sagt, Musette konnte ihre Hand in den Fluss stecken und den exakten Tag vorhersagen, an dem er gefrieren würde. Sie konnte einem Neugeborenen die Hand auf das Herz legen und sah sein ganzes Leben vor sich. Musette sagte Feuersbrünste, Überschwemmungen und Wirbelstürme voraus, und einen Monat, bevor die Yankee-Soldaten die Grenze des Staates Tennessee überschritten, wies sie die Dienstboten an, jedes Bettlaken, jeden Unterrock und jeden Kopfkissenbezug im Haus in Streifen zu zerreißen und zu Verbandszeug aufzurollen.
Trotz ihrer hundertprozentigen Trefferquote wollte Bedford Braxton Belle jedoch nicht auf sie hören, als sie ihm vorhersagte, dass Alkohol sein Ende bedeuten würde. Ein Pferd lässt sich brav an die Tränke führen, aber ein sturer Esel braucht seinen Whiskey unverdünnt.
Musette verlor ihren Mann in der Schlacht von Franklin durch den Schuss eines Soldaten der Unionsarmee. Er war gerade dabei, sich an einem Persimonenbaum zu erleichtern. Wie tröstlich, zu wissen, dass er von alledem nichts mitbekam. Braxton Belle hauchte sein Leben mehr oder weniger sang- und klanglos aus. Aber die wenigsten Männer sind zum Helden geboren. Die meisten hinterlassen als Zeichen ihrer irdischen Existenz nur einen Stein an der Stelle, an der ihre Knochen verscharrt sind. Musette trug für den Rest ihres Lebens Schwarz, aber das stand ihr ohnehin am besten. Und es verging nicht ein Tag, an dem sie nicht die welken Blätter von Braxtons Grab fegte und seinen granitenen Grabstein küsste. Die Geschichte mag einen gewöhnlichen Mann vergessen, aber Frauen haben ein Gedächtnis wie Fliegenpapier.
Wenn Frauen lieben, dann ohne Sinn und Verstand. Musette sollte niemals mehr einen anderen Mann lieben, wenn sie auch nichts dagegen hatte, die Liebe anderer Männer zu erhören. Man sagt, sie hieß mehr Männer bei sich willkommen als die Freiheitsstatue im Hafen von New York. Ungeachtet der Tatsache, dass jede Ehefrau,Witwe und ledige Jungfer in der Stadt um ihr frühes Ableben betete, wurde Musette steinalt und starb friedlich im Schlaf. Man begrub ihren Körper auf dem Friedhof neben dem Haus, das den Fluss überblickt, aber ihr Geist schwebt weiter in der Luft wie das Parfüm einer heimlichen Geliebten. An Musettes Grab ist eine weiße Marmorstatue zu bewundern, die so real wirkt, dass man schwören möchte, ihre Augen sehen einen an und ihre steinernen Brüste heben und senken sich im Rhythmus unirdischer Atemzüge. Nackt, wie Gott sie schuf, blickt die marmorne Musette dem männlichen Betrachter herausfordernd in die Augen, ohne fromm den Blick zu senken. Ihr gegenüber stehen zwei !
Engel, voll bekleidet, die Hände zum Gebet gefaltet, und schicken einen flehenden Blick gen Himmel, als wollten sie sagen: »O Herr, wir können nichts dafür.«
Was der eine als Kunst betrachtet, ist für den anderen eine Zumutung. Und so ist auch die tote Musette nicht viel anders als zu ihren Lebzeiten den meisten ein Dorn im Auge. Über hundert Jahre lang fühlten diejenigen, die in der Statue eine Beleidigung ihres ästhetischen
Empfindens sahen, sich bemüßigt, einen verbissenen Kampf darum zu führen, dass die steinerne Musette entfernt, zumindest aber ihre Blößen bedeckt werden sollten.
Aber Geld schlägt Moral immer. Als ein Kunstprofessor aus Nashville den Moosbelag vom Sockel der Statue gekratzt hatte und den Namen »Rodin« in den Stein gemeißelt fand, geriet das Gleichgewicht der Kräfte ins Wanken. Die historische Gesellschaft ließ flugs eine Messingplakette anbringen und deklarierte Musette ebenfalls zur Historischen Sehenswürdigkeit.
Jetzt eilen Experten von nah und fern herbei, um darüber zu debattieren, ob die steinerne Musette tatsächlich ein echter Rodin aus Paris oder ein echter Bodin aus Memphis ist, dessen Familie seit Menschengedenken für die Herstellung exklusiver Grabsteine bekannt ist.
Wo immer die Wahrheit auch liegen mag und in unserer Gegend ist sie bekanntlich sehr flexibel , viele junge Männer haben ihr Wissen über die weibliche Anatomie der Betrachtung von Musette Belles Statue zu verdanken, so wie nicht wenige ihrer Vorfahren diese am lebenden Modell studieren konnten. Selbst im Tod gelingt es Musette noch, die braven Bürger von Leapers Fork zu schockieren, und ihre weiblichen Nachkommen bemühen sich nach Kräften, ihrem Erbe gerecht zu werden. Musette gebar Solange, die wiederum Charlotte und Odette das Leben schenkte. Und Odette gebar Angela und die Dixie. Wenn es etwas gibt, das die Belle-Damen lieben, dann, sich fortzupflanzen. Manche Frauen verkaufen ihren Körper wie Huren ihre Eheringe. Manche benutzen Sex als Waffe. Aber es gibt Frauen, die, wie Jesus, einen Mann durch die bloße Kraft ihrer Berührung heilen können. Jeder Mann, der vom Bett eines weiblichen Mitglieds der Familie Belle aus den Sonnenaufgang sieht, wird schwören, in dem Moment von den Toten auferstanden zu sein.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.