"Was hat denn Frau Rettich, was ich nicht habe, abgesehen von Schönheit, Klugheit, Klassefigur, natürlicher Intelligenz, Schick, Stil, Geschmack, Fingerspitzen- und Taktgefühl, reichen Eltern und schönen Männern?" Das kann man sich echt fragen, zusammen mit der Ich-Erzählerin, dem "Goldstück". Diese dämliche Rettich aber auch, die genauso herrlich daneben ist wie ihre beiden lieben Reisegefährtinnen. Das hindert "die Rettich" selbstverständlich nicht daran, ihre besten Freundinnen schon während der Vorbereitungen für den zweiwöchigen Spanien-Trip gnadenlos herumzudirigieren -- im selbstverständlich von ihr selber geleiteten Spanischkurs ebenso wie beim weinbeseligten Lamento danach. Die beiden anderen, also die streng sozialdemokratische und bildungsferne Czerni und das schandmaulende Goldstück, hindert all das ebenso wenig an der liebevollen Pflege der eigenen psychischen und physischen Schräglagen.
Und dann wird gereist. Das Damentrio auf Spanien-Trip lässt wirklich keinen Fauxpas aus. Aber wie es sich für die moderne Frau von Welt gehört, sind die "Frau Rettich, die Czerni und ich" felsenfest davon überzeugt, ganz anders zu sein als die Tussis, die sonst so auf Tour gehen. Und vor allem geizen sie weder mit gediegenen Schrullen noch mit bissigen Überlegungen und Kommentaren.
Und falls es noch zu beweisen wäre, dass man nur sieht, was man sehen will: Es ist natürlich alles richtig, was die Rettich meint und sagt, und mit ihren Weisheiten zu den Tücken des spanischen Paradieses auf Erden erschüttert sie souverän die Wahrnehmung der beiden anderen, jedenfalls zeitweilig. Die sind nämlich genauso herrlich daneben. Und womöglich noch liebenswerter. An irgendjemanden erinnern die drei den Leser... pardon, die Leserin irgendwie: an sich selber nämlich.
Also haargenau so wie wir alle sind die drei. Haargenau so. Dem trüben Frankfurter Herbst kehren sie den Rücken und brettern gen Spanien, wo die unvergleichliche Rettich einen höchst mysteriösen "Novio" bereits im Visier haben will; den will sie nämlich heiraten, denn der sei ganz anders als all die bisherigen Nieten in ihrem Leben. Aber ob der auch will? Und ob er eine Ahnung hat von dem, was die Rettich plant? Und ob es den überhaupt gibt? Fragen sind das.... Jedenfalls wird auf den "Novio", zärtlich auch "Pupsi" genannt, zu dritt gewartet wie auf Godot... nur hat das Warten hier mehr Unterhaltungswert.
Ach, ist das schön gemein! So gemein und so politisch unkorrekt sein, so zielsicher jedes Fettnäpfchen treffen, sich so hinterhältig und so peinlich aufführen, so penibel auf der besten Freundin nächste Peinlichkeit lauern und dieselbe auch gleich kommentieren können -- sowas können nur Frauen unter sich. Besonders dann, wenn sie zu dritt nach Spanien fahren, jede für sich ihre Individualität hegend und pflegend. Dabei sind sie doch irgendwie ähnlich gestrickt (und vermutlich lesen sie alle drei die "Brigitte", erlaubt sich die allzeit zu Gehässigkeiten bereite Rezensentin anzumerken). Und alles und alle kriegen ihr Fett ab: Spanische Friseure und das Klo in der Geheimtipp-Insiderkneipe, exorbitante Kosmetikköfferchen und der verschwenderische Umgang mit dem schweineteuren Parfüm darin seitens der Besitzerin, die wilde Entschlossenheit aller Urlauber, landestypisches Sägen am Nerv als Ambiente zu lobpreisen, selbsternannte Spezialisten in Sachen Kunstgeschichte beim Museumsbesuch, die unvorteilhaften Glockenröcke (!) der besten Freundin, Konfektionsgrößen-Ungemach, polyglotte Urlauberinnen, die dummerweise ignoriert haben, dass in Barcelona Katalanisch gesprochen wird und nicht Spanisch (aber was eine echte Frau Rettich ist, argumentiert derlei banale Realitäten locker untern Teppich)...
Jaaaaaa... was ein rechtes Lästermaul ist, das findet immer was, worüber sich genussvoll lästern lässt. Und was ein guter Beobachter und Schriftsteller ist mit viel Sinn für Situationskomik, der findet auch stets haargenau, aber sowas von haargenau das richtige Wort, um's im haargenau richtigen Moment im haargenau getroffenen Dialog oder Kommentar unterzubringen. Simon Borowiak ist eindeutig so ein guter Beobachter und Schriftsteller mit viel Sinn für Situationskomik, und deswegen verpasst er seiner Goldstück-Erzählerin nie einen Maulkorb. Er lässt sie diese fiese "Sommerverlobung" von der geschwollenen Leber weg schildern, wie im richtigen Leben. Chapeau! Genauer noch: Touché!