Als Charles Darwin über die Evolution der Religiosität schrieb, ging er noch selbstverständlich davon aus, dass diese vom Mann ausgehe. Und wenn auch Anfang des 21. Jahrhunderts kein seriöser Forscher mehr bestreiten würde, dass Frauen religiöse Traditionen durch ehren- und hauptamtliches Engagement in Gemeinde und Familie, die Unterweisung der Kinder und auch in religiösen Rollen entscheidend prägten und prägen, so konzentriert sich die Wahrnehmung immer noch auf die "sichtbaren" Männer, deren Taten und Schriften. Und das gilt nicht nur für die Religion, sondern auch die Wissenschaft - im Standardwerk "Klassiker der Religionswissenschaft" werden z.B. 23 Männer vorgestellt, aber keine einzige Frau.
Der vorliegende Band greift diese blinden Flecken endlich auf und setzt ihnen eine Vielzahl von Artikeln von Forscherinnen und Forschern entgegen. Dabei geht es nicht um Jammern und Anklagen, auch nicht primär um eine feministische Theoriebildung, sondern um die Chancen, die eine Erweiterung der Perspektiven bietet. Wie steht es eigentlich um Objektivität und Wertfreiheit in der Religionswissenschaft? Wie werden in der Religions- und Kunstgeschichte Geschlechter bildlich dargestellt? Wie bilden junge Muslime ihre Identitäten als Männer aus? Wie lesen muslimische Frauenrechtlerinnen den Koran? Was fasziniert "queer"-suchende am nordischen Schamanismus? Wie geht ein Pfarrer mit Gemeinde und Familie mit der Erkenntnis um, homosexuell zu sein? Studien zu solchen und weiteren Fragestellungen werden auf hohem Niveau vorgestellt und diskutiert. Ideologische Pamphlete oder pauschale Vorbehalte z.B. gegen Naturwissenschaften sind dabei nicht zu finden - vielmehr überzeugen die Beiträge durch sachliche Qualität. Die Botschaft kommt an: Wenn sich auch die Religionswissenschaft endlich deutlicher (und verständlicher) auf Fragen von Sexualität, Geschlechter- und Identitätsrollen, verdrängte Geschichten u.v.m. einläßt, kann das Fach dabei an Tiefe und Erklärungskraft nur gewinnen. Den Herausgeberinnen, Autorinnen und Autoren ist zu einem gelungenen Grundlagenwerk zu gratulieren, der Religionswissenschaft eine breite Aufnahme zu wünschen.