Das neue Bilderbuch des bewährten Autorenteams Heinz Janisch und Helga Bansch ist ein besonders bemerkenswertes Buch. Schon in ihrem letzten Bilderbuch "Ein schräger Vogel" hatte sich Helga Bansch mit Menschen auseinandergesetzt, die anders sind und ihren kleinen Lesern Mut gemacht, auch mal gegen den erzieherischen und gesellschaftlichen Mainstream zu schwimmen, selbstbewusst zu dem zu stehen, was und wie sie sind.
Im vorliegenden Band setzen sich Janisch und Bansch mit einem Thema auseinander, das die Welt der Erwachsenen immer noch kräftig verdrängt und zu übersehen sucht: der Welt und Erlebenswelt von alten, sehr alten und manchmal auch demenzkranken Menschen.
In "Frau Friedrich" erzählt ein etwa 5-jähriger Junge von einer Frau, die in der Nachbarschaft seiner Eltern wohnt. Zunächst berichtet er, was er von dieser Frau Friedrich wahrnimmt und wie er sich das alles in seiner Phantasie vorstellt. Im kleinen Leser erzeugt dies eine hohe Spannung, denn es ist am Anfang nicht klar, dass es sich um eine alte, oft bettlägerige, wahrscheinlich auch demenzkranke Frau handelt. Helga Bansch hat diese phantasievollen Gedanken des sympathischen Jungen wieder mit ihrem eigenen Stil, den ich sehr mag und von dem ich weiß, dass Kinder ihn lieben, sehr sensibel und mit viel Empathie gezeichnet.
Der Junge lernt viel von der 91-jährigen Frau Friedrich und geht ganz selbstverständlich mit ihr um. Er hat es seinen Eltern abgeschaut, die sich, wahrscheinlich schon seit Jahren, liebevoll um die alte Frau in der Nachbarwohnung kümmern.
Und er hat etwas begriffen, was diese alte Menschen brauchen. Weil sie ihren alten, eigenen Geschichten, die sie ihm erzählt, gleich wieder vergessen hat, kaum dass sie aus ihrem Mund gekommen sind, macht dieser Junge das einzig Richtige: er erzählt Frau Friedrich die Geschichten von Frau Friedrich - und er macht sie glücklich, so sehr, dass sie manchmal laut lachen muss.
Ein wunderbares Buch über das Alter und wie ganz junge und ganz alte Menschen miteinander umgehen können. Leider gehört ja das Zusammenleben mit alten Menschen in einem Haus schon lange nicht mehr zu der selbstverständlichen Erfahrungswelt von Kindern. Dieses preisverdächtige Bilderbuch kann helfen, diese schmerzliche Lücke etwas zu schließen.