Ich bin ein großer Fan von Serien/Sitcoms mit wahnsinnig guten Dialogen ("Seinfeld"), gestochen scharfer Gesellschaftskritik ("Boston Legal") oder fiesen verbalen Gefechten ("Will and Grace"). Durch eine Empfehlung bin ich vor langer Zeit schon auf "Frasier" aufmerksam geworden und habe mich durch die ersten vier in Deutschland publizierten Staffeln geschaut.
Und was soll ich sagen? So etwas Niveauvolles, Zynisches und Gutes vermisse ich in der heutigen Fernsehlandschaft mehr als deutlich. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe der 7. Staffel von "Two and a half men" vier Sterne gegeben und dies ist wahrlich ein gänzlicher anderer Humor, aber diese bitterbösen Dialoge, die "Frasier" so genial machen, habe ich heutzutage in Sitcoms vergeblich gesucht.
Die vierte Staffel bietet eine gekonnte Charakterweiterentwicklung: Frasier datet mehrere Frauen, Niles' und Maris Trennung nimmt neue Formen an, Martin bekommt eine richtige Freundin, die bei Frasier und Niles auf wenig Gegenliebe stößt und Daphne hat auch mit einigen Problemen zu kämpfen. Nach diesen vier Staffeln sind mir die Figuren schon enorm ans Herz gewachsen; Frasiers und Niles' Verbal-Duelle machen eine solche Freude, dass sich dafür schon eine ganze Folge lohnen würde. Hinzu kommen aber noch die Diskrepanz im Interessengebiet der Crane-Brüder und ihres Vaters, Niles' "versteckte" Liebe zu Daphne und natürlich Roz' unbändige "Liebe" zu den Männern.
Gespickt wird das ganze Geschehen durch treffsichere Metaphern und lustige UND niveauvolle Querverweise zu literarischen bzw. kulturellen Werken. "Frasier" ist definitiv nichts für jeden Sitcom-Gucker, aber wenn man sich auf diese bitterböse, intellektuelle Sitcom einlässt, wird sie Ihnen große Freude bereiten. Auffallend ist aber, im Vergleich zu den vorherigen Staffeln, dass die vierte Season deutlich nachdenklichere Töne anschlägt. In der Folge "Der Hundepsychiater" war ich verwundert, welchen Tiefgang die Serie mit einem Mal bekam - meine Verwunderung ist jedoch sehr positiv gemeint.
Für mich besonders herausragende Folgen waren der Staffelauftakt "Die zwei Mrs. Cranes", "Ein flotter Vierer" (mit Megan Mullally - Karen Walker aus "Will and Grace") und "Sind Sie schon bedient?". Insbesondere letztere Folge hat mir Tränen des Lachens über mein Gesicht laufen lassen.
Die Bild- und Tonqualität ist für eine solch alte Serie wirklich vortrefflich. Schaltet man aber in den Originalton über, hört der Zuschauer die deutlichen Unterschiede zwischen heutiger und damaliger Technik. Extras sucht der geneigte Fan außerdem ebenfalls vergeblich: weder Kommentare, Bloopers oder etwaiges anderes Bonusmaterial ist vorhanden. Dies ist für mich jedoch kein Grund Sterne abzuziehen, weil die Qualität der Serie für sich schon mehr als fünf verdient hätte.
Lediglich die Tatsache, dass die Fans aus Deutschland auf einen Release der nachfolgenden Staffeln erstmal unbestimmte Zeit warten müssen, dämpft meinen Enthusiasmus, diese Serie so lieb gewonnen zu haben. Ich denke, ich werde bei amazon in England mal vorbeischauen...