Deutschland war im Vertrag von Versailles 1919 zu erheblichen Kriegsentschädigungen und Kohlenlieferungen verpflichtet worden. Anfang 1923 behauptete die alliierte Reparationskommission, daß Deutschland seiner Verpflichtungen nur unzureichend nachkomme. Kurz danach okkupierten französische (aber auch belgische) Truppen das Ruhrgebiet. In der Folge kam es zu massivem Widerstand der Bergleute der vielen Zechen. So wurden während der ersten sechs Monate der Besetzung zusammen weniger Kohle abtransportiert als in den nur zehn letzten Tagen davor. Doch der Widerstand - der von der deutschen Regierung nicht nur ideell, sondern auch materiell unterstützt wurde - hatte den finanziellen Ruin sowohl der Bergleute als auch Deutschlands zur Folge. In diesem Umfeld handelt "Franzosenliebchen" (Grafit 605) von Jan Zweyer. In junges Mädchen, Agnes Treppmann, Dienstmädchen bei einem reichen Kaufhausbesitzer, wird spät abends auf dem Heimweg ermordet. Deutsche Polizisten überwacht von Franzosen untersuchen den Fall. Als Indizien zwei französische Soldaten belasten, wird der Fall der deutschen Polizei entzogen und der französischen Militärgerichtsbarkeit übertragen. In einem kurzen Prozeß werden die beiden Soldaten freigesprochen. Die örtlichen Polizeibehörden glauben, daß die Franzosen die Täter waren, können es aber nicht beweisen - und dürfen es auch nicht, da sie keine Ermittlungen gegen französische Militärs durchführen dürfen. Nicht nur zwecks Aufklärung, sondern auch aus politischen Gründen - um die Rolle der Franzosen als Besatzungsmacht zu unterminieren - wird Kriminalinspektor Goldstein von der obersten Polizeibehörde in Berlin ins Ruhrgebiet gesandt, um geheim den Fall aufzuklären. Es ist für ihn kein ungefährlicher Auftrag, da die Franzosen bald erfahren, daß ein deutscher Polizist im Untergrund gegen sie tätig ist, um den Mord aufzuklären - und die französische Militärjustiz zu desavouieren. Doch haben die beiden französischen Soldaten wirklich Agnes Treppmann ermordet? Peter Goldstein zweifelt. Doch wer war es dann? In 345 Seiten kann er den Fall des "Franzosenliebchens" aufklären. Wenngleich die Krimihandlung Längen aufweist, ist das Buch durch die historischen Bezüge, wo nicht nur auf die militärische Besetzung des Ruhrgebiets, sondern auch auf die wirtschaftliche Situation und die politische Gewaltbereitschaft Bezug genommnen wird, nie langweilig.