Helmut Feld ist mit einer großen, von der Kritik sehr gelobten Monographie über
Franziskus von Assisi und seine Bewegung als Kenner der Materie bestens ausgewiesen. Ihm gelingt es, seine umfassende Forschung auch in dieser konzentrierten Biographie gut lesbar zur Geltung zu bringen.
Mit kritischer Sympathie beschreibt er Leben, Denken und Spiritualität des Franziskus ausdrücklich im Kontext seiner Zeit. Er war eben kein Mensch der Neuzeit, schon gar nicht unserer Moderne. Das auf Schritt und Tritt im Bewusstsein zu halten, ist das besondere Verdienst des Autors. Er würdigt damit Franziskus in seiner historisch-konkreten Eigenheit. Seine Person verschwindet weder hinter dem späteren Heiligenkult noch wird sie modern vereinnahmt.
Im Vorwort heißt es: "Dieses Buch bietet einen knappen Überblick über das Leben des Franziskus von Assisi und führt zugleich in sein religiöses Weltbild vor dem Hintergrund seiner Zeit ein. Da es sich aber bei der religiösen Weltvorstellung des Franziskus und der geistigen Welt des 13. Jahrhunderts um komplexe historische Phänomene handelt, bringt die gebotene Kürze notwendig einen gewissen Mangel an Präzision mit sich." Diese Bescheidenheit ehrt den Autor, doch er hat auf 102 Seiten das Beste daraus gemacht.
Dankenswerterweise führt Feld zunächst in die Quellen und in ihre kontroverse Beurteilung ein, durchaus kritisch gegen die eigene Historikerzunft. Damit legt er mir als Leser Rechenschaft über die Grundlagen seines Buches ab. Es ist mit tendenziösen Verformungen und mit Verhüllungen und Verschwiegenem zu rechnen, was es dem Historiker nicht gerade einfach macht, bestimmte Fragen sicher zu lösen.
Auf die Einzelheiten der Biographie muss und kann ich nicht im Einzelnen eingehen. Stets gelingt es Feld, den historischen Hintergrund trotz Kürze zum Leuchten zu bringen. Leben und Beweggründe des Franziskus, seiner Mitstreiter, seiner Gegner und auch der Vertreter der offiziellen Kirche werden verständlich und einsichtig gemacht. Das geschieht mit Respekt und ohne moderne Besserwisserei gegen Menschen des Mittelalters. Wobei Feld durchaus bestimmte Erscheinungen wie den "Kadaver-Gehorsam" kritisiert, also einen Standpunkt aufgrund heutiger Erfahrung einbringt. Da er das deutlich als "rationalistische" Kritik aus heutiger Sicht kennzeichnet, ist es durchaus legitim.
Interessant sind die zahlreichen Hinweise auf Folgen der franziskanischen Geistes bis heute, von der religiösen Prägung der Landschaft durch Andachtsbilder mit dem Gekreuzigten über Kreuzwege und Krippenbilder bis zum Glockenläuten zu bestimmten Zeiten. Und vor allem auch: "Die visionären Gedanken des Heiligen von Assisi über Gott, Natur, Seele, Tod und Welterlösung erweisen im Kontext des modernen naturwissenschaftlichen und ethischen Denkens ihre Tiefe und Aktualität."
Bestens ist, dass wesentliche Texte wörtlich zitiert werden, so dass Zeit und Mensch möglichst oft selbst zur Sprache kommen. Nebenbei bemerkt erweist sich Feld hier als sehr gewandter Lateiner! Für solch ein kleines Büchlein ist so viel Originalzitat so wenig selbstverständlich wie die sehr guten Beigaben: eine Zeittafel, Karten von Umbrien (witzigerweise mit Eisenbahnlinien) und von Assisi mit Umgebung, ein feines Literatur- und Quellenverzeichnis, ein ausführliches (!) Register.
Einzelne Details halte ich persönlich für ein wenig zu spekulativ (z.B. den Einfluss des Origenes über die Katharer), aber das ist zu verschmerzen.
Wer einen guten, wissenschaftlich ausgezeichnet informierten Überblick zu Franziskus von Assisi in seiner Zeit sucht, findet ihn mit diesem Buch. Wer dann tiefer in die Materie einsteigen will, sei auf das bereits erwähnte Grundlagenwerk von Feld hingewiesen:
Franziskus von Assisi und seine Bewegung, in Hinblick auf die Franziskanerbewegung zudem auf sein Buch
Franziskaner. UTB Profile (Uni-Taschenbücher S).