Ulla Egbringhoff hat sowohl inhaltlich als auch sprachlich eine hervorragende Biographie über das Leben der 1871 geborenen Franziska zu Reventlow verfasst. Diese freiheitsliebende Aristokratin litt bereits als Kind unter den rigiden Moralvorstellungen ihres norddeutschen Elternhauses und lehnte sich in der Folge gegen entsprechende Erziehungsversuche ihrer Mutter auf. Das Internat, in das man die uneinsichtige Tochter steckte, mußte von dieser verlassen werden, weil sie die strengen Regeln für sich nicht gelten lassen wollte. Franziskas damalige Interessen galten der Malerei, auch schrieb sie Gedichte und las Romane russischer Schriftsteller. Trotz des heftigen Widerstandes ihrer Mutter, gestand Ludwig Graf zu Reventlow seiner Tochter die Ausbildung als Lehrerin zu, welche diese mit Erfolg abschloss. Nach dem Lehrerseminar entzog sich die junge Gräfin den Ehestiftungsambitionen ihrer Mutter durch Flucht und gelangte über Umwege in die damalige Kunstmetropole München. Dort lernte sie in einer der vielen Malschulen die Tücken unterschiedlicher Maltechniken kennen. Den Unterricht finanzierte ihr damaliger Verlobter und späterer kurzzeitiger Ehemann Walter Lübke, der in Hamburg als Jurist tätig war. Franziska war für ein monogam ausgerichetes Eheleben nicht geeignet, denn ihr Freiheitsdrang bezog sich nicht nur auf die Umsetzung liberalen Gedankengutes, sondern auch auf das Ausleben ihrer Sexualität mit rasch wechselnden Partnern. In Schwabing lernte die Malerin, die auch Romane , Satiren und Essays verfasste, sich aber nicht als Schriftstellerin definierte, viele Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle kennen, die die Gräfin, nicht zuletzt wegen ihrer großen Auffassungsgabe, zu schätzen wussten. Rainer Maria Rilke, Erich Mühsam, Karl Wolfskehl und Stefan George, wie auch der Maler Jawlenski , um nur einige zu nennen, zählten zu ihrem Freundeskreis, aber auch Frauen , wie die promovierte Juristin Anita Augsburg, eine der führenden Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit , pflegten mit der nachdenklichen Gräfin freundschaftlichen Umgang. Als Franziska unehelich schwanger wurde und den Namen des Vaters den Behörden nicht preis gab, begann eine schwierige Zeit für die eigenwillige junge Frau. Die mittellose Aristokratin hielt sich und ihren Sohn mit Übersetzungen und Gelegenheitsjobs über Wasser. Von ihren Romanen und ihren Bildern konnte sie nicht leben. Sie erzog ihren Sohn anti-wilhelminisch , indem sie ihn als Lehrerin selbst unterrichtete und erfolgreich erwirkte, dass Rolf nur zu Prüfungen in staatlichen Schulen vorstellig werden musste. Erst als Franziska sich entschloss mit ihrem damaligen Lebensgefährten Bohdan von Suchocki und dem Schriftsteller Franz Hessel eine Wohngemeinschaft zu gründen, verbesserten sich ihre Lebensverhältnisse vorübergehend. Sie unternahm mit Suchocki Reisen nach Florenz sowie nach Rom und lebte nach der Trennung von diesem polnischen Adligen zeitweilig im Tessin, am Monte Monescia, genannt Monte Verita, wo junge Menschen aus ganz Europa nach anderen Lebensformen suchten, insbesondre solchen, die im Einklang standen mit den Ideen Rousseaus. Um ihrer neuerlichen Finanzmisere zu entfliehen, schloss die Gräfin in der Schweiz im Einverständnis mit ihrem zukünftigen Ehemann, dem Alkoholiker Alexander von Rechenberg-Linten eine Scheinehe. Der baltische Adlige musste seiner Familie eine standesgemäße Frau präsentieren, um nicht enterbt zu werden. Nach der Trauung gingen sich die Eheleute aus dem Weg. Man lebte in unterschiedlichen Wohnungen und heuchelte kein Interesse aneinander . Vom Tod Rechenberg- Lintens erfuhr Franziska erst viel später. Zu diesem Zeitpunkt wurde ihr Briefroman der " Geldkomplex" veröffentlicht, der ihr als Schriftstellerin leider auch nicht zum Durchbruch verhalf. Durch ihre Heirat mit Rechenberg-Linten war Reventlow zur russischen Staatsbürgerin geworden und konnte deshalb zu Beginn des 1. Weltkrieges nicht mehr problemlos nach München reisen. Dennoch rettete sie ihrem Sohn Rolf, der als Pazifist vom mörderischen Kriegshandwerk auf den Feldern Verduns angewidert war, das Leben, indem sie anarchistische Freunde dazu bewegte, ihm zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen. Gräfin von Reventlow starb 1918 im Alter von siebenundvierzig Jahren an den Folgen eines Fahrradsturzes in Locarno.
Das Buch bietet eine Fülle von Informationen über die Boheme von Schwabing zu Ende des vorvergangenen und zu Beginn des letzten Jahrhunderts . Verschiedene Dichter- und Intellektuellenkreise werden beleuchtet, so etwa der Kreis der " Kosmiker", der sich u.a. mit dem dionysischen Weltbild auseinandersetzte und einem heidnischen Mutterkult anhing, dem Reventow sehr kritisch gegenüberstand. Die meisten Maler und Schriftsteller des Schwabinger Künstlermilieus hatten finanzielle Schwierigkeiten, durch die sie in ihrer Kreativität und Schaffenskraft immer wieder behindert wurden. Auch im Leben der begabten Franziska zu Reventlow waren Geldprobleme letztlich der fatale Hemmschuh für fortdauernde Kreativität.
Empfehlenswert!