- Auf der Suche nach freieren, ungebundeneren Lebensformen -
"Die Jugend ist ihren professionellen Beobachtern nicht mehr zu rebellisch, sondern zu angepasst.", schrieb "DIE ZEIT" im Jahre 2005.
Ganz anders eine Frau, über die Rainer Maria Rilke vor über 100 Jahren bemerkte, dass ihr "Leben eins von denen ist, die erzählt werden müssen." Und er setzte noch hinzu "... und ich glaube, dass man es vor allem jungen Menschen erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie."
Gunna Wendt, hat den Versuch unternommen, hinter die allgemein allzu oberflächlich wahrgenommene Fassade einer "Rebellin" und einer der schillerndsten Frauen der Schwabinger Künstlerszene des ausgehenden 19. und jungen 20. Jahrhunderts zu schauen und einer Frau gerecht zu werden, deren Lebensdaten mit denen des Deutschen Kaiserreiches identisch sind (1871-1918).
Franziska Gräfin zu Reventlow (getauft als Fanny Sophie Auguste Liane Adrienne Wilhelmine Comtesse zu Reventlow) - schon allein der Name weckt Assoziationen. Münchner Boheme fällt da sofort ein. Aber auch "ein Leben in Freiheit: ungebundene Liebe, erotische Abenteuer, eine freie Schriftstellerexistenz, Wohngemeinschaft und ein Kind ohne Vater.", berichtet Gunna Wendt in ihrem Prolog. Mit vielen Zuschreibungen wurde die Reventlow bedacht: "Heidnische Madonna, moderne Hetäre, Virtuosin des Lebens, grande Amoureuse, Schleswig-Holsteinische Venus, tolle Gräfin, Königin der Boheme, the woman who did, Ikone moderner Weiblichkeit - die Liste (...) ist lang, und sie wird ständig fortgeführt."
Gunna Wendt löst sich von diesen zum Teil falschen, den klaren Blick verzerrenden Bildern und Klischees. Sie blickt nicht nur oberflächlich auf diese anmutig-mutige, eigenwillige und künstlerisch begabte, auf jeden Fall bewundernswerte Frau. Entstanden ist eine überaus interessante, mitreißende und unterhaltsam geschriebene Biografie. Die Autorin versucht in Reventlows Innerstes vorzudringen und entdeckt dabei nicht immer nur eine Femme Fatale, sondern ebenso einen äußerst zerrissenen und glückssüchtigen Menschen, der sich stets eines zur Maxime gemacht hat, was kennzeichnend für ihr ganzes Leben sein sollte: "Ich will überhaupt lauter Unmögliches aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtlegen."
Für ihre behutsame Annäherung an Franziska zu Reventlow zieht die Autorin deren Tagebücher, ihren umfangreichen Briefverkehr sowie ihre Romane, Essays und Geschichten zu Rate. Vor allem die Kinder- und Jugendjahre rekapituliert sie aus Reventlows angeblich autobiografischem Roman "Ellen Olestjerne". Inwieweit sich diese tatsächlich so zugetragen haben - da gebe ich meiner Vorrezensentin Irene Weiser vollkommen Recht - ist mit Vorsicht zu genießen, könnte es sich doch durchaus um fiktive, literarische "Ausschmückungen" handeln. Doch möchte ich auf das bewegte Leben der Franziska zu Reventlow an dieser Stelle sowieso nicht eingehen. Es ist vielerorts zu lesen und würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Außerdem ist dafür die vorliegende Biografie "zuständig" ;-)
Nur so viel, müsste man es in einem Satz erzählen, dann wäre dieser von Gunna Wendt treffend: "Das Spannende, Glanzvolle verbindet sich mit dem Trostlosen, Verzweifelten."
Die Reventlow "hatte viel zu geben, vor allem sich selbst, und immer dominierte die Leidenschaft vor der Vernunft." Zahlreiche Männerbekanntschaften kreuzen ihre Bahn, die sich wie das "who is who" der damaligen Künstlerszene lesen: zum Beispiel Ludwig Klages, Karl Wolfskehl, Erich Mühsam, Stefan George, Edgar Jaffé. Zwei Ehen, eine Scheidung, permanente materielle Not, die sie gar durch Prostitution zu lindern sucht und auch Krankheit bestimmen ihr sinnliches, aber freies Leben.
Doch nicht das "Skandalpotential" der "Rebellin" arbeitet Gunna Wendt in ihrer Biografie, die durch große Liebe zum Detail besticht, heraus, sondern sie lotet Franziska zu Reventlows Leben behutsam aus und zeichnet ein sensibles und vor allem stimmiges Bild einer lebensgierigen und -mutigen Frau. Wendt nimmt ihr keineswegs die Identität, sondern sie unterstreicht sie liebevoll und mit großer Achtung. Den Worten Erich Mühsams, dass sie einer der "innerlich freiesten und natürlichsten Mensch", denen er je begegnete sei, "gleichmäßig ausgezeichnet von höchstem weiblichen Charme, gepflegtester geistiger Kultur, kritischster Klugheit, anmutigstem Humor und vollkommenster Vorurteilslosigkeit", glaubt man nach diesem Buch sofort.
Auch wenn Franziska zu Reventlows Leben sicherlich ihr kühnstes Werk war, so entstand doch ganz "nebenbei" "mehr der Not und den Zufällen geschuldet und von der literarischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ein schmales Oeuvre, das zunehmend ironischer und souveräner von Liebe, Boheme und Geld erzählt.", so die Autorin. Auf jeden Fall ist Lust auf die Werke dieser viel zu früh verstorbenen Frau geweckt.
Eine kurze zusammenfassende Chronik, ein Literaturverzeichnis und 26 eingestreute Abbildungen, die beweisen, dass die Gräfin mit zunehmendem Alter immer sinnlicher und attraktiver wurde, komplettieren diese wunderbare Biografie.
Fazit:
Gunna Wendt zeichnet anhand zahlreicher Quellen ein stimmiges Bild einer rast- und ruhelosen Frau, die sich weder einer Autorität noch familiären und gesellschaftlichen Ansprüchen unterwarf, obwohl es sicher bequemer gewesen wäre. "Aber Bequemlichkeit war nie ihr Lebensideal."
Eine wohltuend dezent bleibende, keinesfalls sich nur an der Oberfläche bewegende Herausarbeitung einer faszinierenden, ausdrucksstarken und sinnlichen Frau, die das Bild der Schwabinger Boheme zu Beginn des 20. Jahrhunderts entscheidend mitprägte.