Brigitte Reimann ist mit Franziska Linkerhand ein bewegendes Zeitdokument gelungen. Ein Roman, erst nach ihrem Tod aus einer Sammlung von Blättern zusammengesucht, der uns Einblicke in den sozialistischen Alltag der DDR in den 60er Jahren gewährt. Einen Alltag, den wir zur Zeit der bestehenden DDR, so niemals gesehen oder gehört haben. Schilderungen, Gefühle und Befindlichkeitsmeldungen, die entweder im Filter der Zensur stecken blieben oder den Weg über Zäune und Mauern nicht schafften. Ein großer, mutiger Roman über eine junge, lebenshungrige Architektin, die sich in Neustadt mit dem sozialistischen Leben auseinandersetzt.
"Was bleibt von mir?" fragt die Romanfigur Franziska Linkerhand sich, als sie einmal wieder mit ihren Ideen und Träumen scheitert. Für Brigitte Reimann kann man festhalten: Ein Roman, der vielen jungen Menschen, für die der Begriff Deutsche Teilung lediglich Geschichte ist, zeigen kann, wie es war; das Leben im "einzig wahren Sozialismus." Ganz bestimmt kein komödiantischer Unterhaltungsstoff, aber dafür gefühlvoll, kräftig und stark, in jedem Fall tief bewegend.
Franziska stammt aus der Verlegerfamilie Linkerhand. Die wird von den russischen Besatzern enteignet. Franziska wird Architektin und es zieht sie von Berlin nach Neustadt. Dort will sie an der Planung der Stadt mitwirken. In Berlin von ihrem Lehrer Reger protegiert, stösst sie in Neustadt auf Misstrauen und Vorbehalte. Sie freundet sich mit der Arbeitskollegin Gertrud an, die dem Alkohol verfallen ist. Zu ihrem Chef hat sie ein gespaltenes Verhältnis. Er mag die junge Frau, ist jedoch nicht bereit, ihre radikalen Ideen umzusetzen. Dann lernt Franziska Ben kennen. Der junge Kipperfahrer erinnert sie an ihren Bruder und sie verliebt sich in ihn. Aber Ben ist ein "Politischer". Als Franziska das erfährt, ist es schon zu spät. So endet ihr Streben nach neuer Architektur, dem Gefühl des Zusammenhaltes und der großen Liebe letztendlich im Scheitern.
Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand ist mittlerweile Kult. Der Stoff ist nicht einfach, aber hochinteressant. Johanna Wokalek als Vorleserin ist für die Geschichte ein ultimativer Gewinn. Egal ob Franziska trauert oder vor Freude juchzt, ob Ben sie achtlos übersieht oder ihr seine Liebe gesteht, Johanna Wokaleks Stimme passt sich jeder Nuance dieser Figuren an. Sie wirkt dumpf und erstickt in der Niederlage und schlägt Purzelbäume im vermeintlichen Erfolg. Das packt an und bewegt tief. In der Brigitte Edition Starke Stimmen nimmt das Hörbuch damit für mich einen der vorderen Plätze ein. Das Ganze zu einem attraktiven Preis.