Brigitta Kubitscheks monumentale Reventlow-Biographie ist zweifellos ein Standardwerk über das Leben Fanny zu Reventlows (Der Vorname "Franziska" ist nicht gesichert, wohl eine postume Umdeutung). Die Autorin rekonstruiert hier akribisch FzRs Leben: von der Kindheit im Husumer Schloss, der Jugend in Lübeck, dem "Ibsen-Klub", der bald gescheiterten ersten Ehe, hin zu den ereignisreichen Münchner Jahren, wo FzR einer der schillerndsten Mittelpunkte der Bohème-Zirkel war, zu den verschiedenen Reisen, bis hin zu ihren letzten Jahren in der Nähe von Ascona.
B. Kubitschek hat mit bewundernswerter Hartnäckigkeit Archive eingesehen, FzRs Schwiegertochter und Enkelin befragt, unveröffentlichtes Material nicht nur "ausgegraben", sondern auch ausgewertet. Hinzu kommen viele Informationen über geschichtliche und familiäre Hintergründe, die meistens auch in gut lesbarer Form aufbereitet werden, etwa über die zeitgenössischen Protagonistinnen der Frauenbewegung, den exaltierten bis befremdlichen Kosmiker-Kreis um Ludwig Klages und Karl Wolfskehl, die Lage der Schauspiel-Schülerinnen um die Jahrhundertwende, und vieles mehr. Frau Kubitschek hat hier sicher Maßstäbe gesetzt und manche Pionierarbeit geleistet.
Störend in diesem Zusammenhang ist allerdings, dass sie doch zahlreiche Mythen, die sich um die "legendäre Gräfin" ranken, nicht hinterfragt, sondern sie ohne entsprechende Quellen oder Belege reproduziert: So etwa die Mär, dass ein gewisser Alfred Friess stets die Schlüssel zu FzRs Münchner Wohnungen besessen habe -- bei ihren zahlreichen Umzügen eher unglaubhaft. Ebenso verhält es sich mit der unausrottbaren Legende, FzR habe kurzfristig einen Milchladen betrieben; dies schloss die Forschung jahrzehntelang treulich aus einer Erzählung FzRs mit dem Titel "Das gräfliche Milchgeschäft" -- ein methodischer Fehler ersten Ranges, und obendrein ist dies Gerücht nirgends belegt. Ähnliches gilt für Kolportagen darüber, wie der Kontakt zu ihrem ersten Verleger, dem Lenin-Verleger späteren Revolutionär Julian Marchlewski, zustande gekommen sein soll, und noch so manch anderes. Lauter wunderschöne Räuberpistolen fürwahr, für die aber keine Quelle zu eruieren ist. Schade, dass auch Frau Kubitschek darauf hereinfiel. Dies allerdings ist ein kleineres Manko, das angesichts der Materialfülle, die B.K. hier aufbereitet, nicht überbewertet werden sollte.
Weitaus störender ist, dass der Titel dieser Biographie, "Leben und Werk", nicht ganz der Wahrheit entspricht. Was das L e b e n FzRs angeht, so entspricht der Titel der Wahrheit und verdient Lob. Jedoch vernachlässigt Brigitta Kubitschek sträflich das W e r k FzRs und betrachtet deren beachtlichen literarischen Nachlass bestenfalls unter biographischen Gesichtspunkten (eine literaturwissenschaftlich mehr als fragwürdige Herangehensweise übrigens), nicht aber unter literarischen oder literaturhistorischen Aspekten, auch nicht ansatzweise. Fast entsteht der Eindruck, Frau Kubitschek habe sich hier drücken wollen. Dies ist umso bedauerlicher, als damit eben jener voyeuristische "o là là"-Blick auf FzR bekräftigt wird, den zu widerlegen zu Brigitta Kubitscheks Anliegen gehört -- anders ist schließlich ihre ungeheure Fleißarbeit nicht zu erklären.
Auch editorisch hat diese Biographie signifikante Mängel: So sind z.B. zwar zahlreiche bisher unbekannte Dokumente, Bilder und Fotos abgebildet -- aber in drucktechnisch unbefriedigender Qualität. Einen soliden Faksimile-Druck hätte der Verlag hier schon spendieren sollen. Und dann habe ich ein Register schmerzlich vermisst -- eigentlich ein Skandal, dass eine viele hundert Seiten dicke Biographie heutzutage auf Personen-, Orts- und evtl. Sachregister verzichtet! Steht zu hoffen, dass diese und andere, weniger auffällige editorische Mängel bei einer zweiten Auflage behoben werden...
Diese Biographie ist sicher nicht für Leser gedacht, die eine kurze, präzise und übersichtliche Reventlow-Biographie suchen -- ihnen sei Ulla Egbringhoffs hervorragende "rororo"-Monographie wärmstens ans Herz gelegt. Wer sich jedoch intensiv mit der Person FzRs auseinandersetzen will, kommt um Kubitscheks Biographie bestimmt nicht herum, Mängel hin oder her. Das ändert freilich nichts daran, dass immer noch eine literarische Auseinandersetzung mit Fanny zu Reventlows Werk aussteht.