Wem die dreibändige Biographie von Alan Walker, dem zur Zeit wohl umfassendsten Standardwerk zu Liszt, ein wenig zu ausführlich ist, der kann getrost zu diesem Buch greifen. Es reflektiert den von Walker etablierten Forschungsstand in konzentrierter Form.
Stegemann ist ein solider Musikwissenschaftler und guter Schreiber, das heißt man bekommt die Fakten mit der nötigen Objektivität und Abwägung doch ohne Trockenheit geboten. Jedem, der sich ein wenig umfassender über Liszt informieren will, ist das Buch durchaus zu empfehlen.
Von der Hauptthese des Buches, die schon im Titel anklingt, halte ich allerdings überhaupt nichts. Stegemann behauptet, Liszt bis heute nur mittelmäßiger Erfolg als Komponist sei vor allem der negativen Beeinflussung der Rezeption durch Cosima Wagner und die Anti-Neudeutsche Propaganda um Eduard Hanslick zuzuschreiben.
Wenn Menschen für ihren mangelnden Erfolg anderen die Schuld geben, stimmt das eigentlich nie und in der Kunst schon gar nicht. Tatsächlich entspricht Liszt heutiger Ruhm ziemlich genau seinem Status. Bei Pianisten ist er eine feste Bank, in Sinfoniekonzerten er kommt mit seinem sinfonischen Werk gelegentlich zum Zuge und eine eingeschwörte Schar von Modernisten interessiert sich für das Spätwerk.
Seltsamerweise wird immer wieder versucht ihn gegenüber Brahms und Wagner in Stellung zu bringen, doch muss man einfach mal klipp und klar sagen, dass er in dieser Liga nicht mitspielen kann. Und Stegemann gelingt es auch nicht diese Einschätzung in Zweifel zu ziehen. Nirgendwo macht er einen ernsthaften Versuch einer Werkdeutung, der mich neugierig gemacht hätte oder dazu gebracht hätte einem Werk mit neuen Augen zu begegnen.
Was Stegemann dagegen zurecht würdigt ist Liszt Engagement für anderer Komponisten, das tatsächlich nicht hoch genug einzuschätzen ist. In dieser Beziehung hat er die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts maßgeblich geprägt.
Was widerum eigentlich zu wenig herauskommt, ist die Faszination von Liszt Persönlichkeit, die auch sein Wirken als Interpret umleuchtet. Dazu ist Stegemann dann doch zu sehr Wissenschaftler als dass er das auch mit eigenen schriftstellerischen Mitteln hätte lebendig machen können.
In der sachlich nüchternen Beschreibung Stegemanns hat man dann fast eher Mitleid mit diesem Menschen, der immer wieder Undankbarheit erntet, rastlos dem seriösen Erfolg nachjagt und von Alkoholismus gezeichnet ist. Dass dieses Leben voll der Ekstasen des Erfolgs und der Bewunderung war, voll von Erlebnissen und Begegnungen, ja einer der aufregendsten Lebensläufe des 19. Jahrhunderts war, wird einem kaum bewusst.
Die heutige Biographik hält sich viel auf ihren objektiv wissenschaftlichen Ansatz zu gute. Doch wenn es um ein Menschenleben geht sagen Fakten nie die ganze Wahrheit. Da ist immer noch viel mehr, das zwar dokumentarisch schwer zu fassen ist, doch in Wahrheit noch viel wesentlicher und lebendiger war.