Neue Zürcher Zeitung 24. November 1989
Hartmut Binder:
Der Band ist rundum eine sehr erfreuliche Angelegenheit, denn er erfüllt seinen Zweck auf hervorragende Weise. Sachfehler hat der Rezensent nicht entdecken können, was angesichts der sehr umfangreichen und weit verzweigten Literatur zum Thema etwas heissen will, die sehr sorgfältig studiert und berücksichtigt wurde. Die Darstellung selbst ist flüssig und leicht verständlich, frei von modischem Schnickschnack. [...] Ein solcher Grundkurs in Sachen Kafka muss auch die Mitte halten zwischen der Auflistung nüchterner Lebensdaten und wichtiger Geschehnisse im Leben Kafkas einerseits sowie den zu gebenden Verständnishilfen zu einzelnen Werken andererseits. Anz erfüllt auch diese Forderung...
Kurzbeschreibung
«Mein Roman bin ich, meine Geschichten sind ich», hat Franz Kafka 1913 an Felice Bauer geschrieben. Diesen Satz nimmt Thomas Anz ernst, und er zeigt zugleich, wie der jüdische Schriftsteller seine Vater-, Berufs-, Frauen- und Künstlerkonflikte so stark und suggestiv ins Exemplarische stilisiert hat, dass sie zu beklemmenden Mustern moderner Identitätsprobleme werden konnten. Wohl beläßt Anz diesem Einzelgänger, der die eigene Isolation zur Bedingung künstlerischer Existenz erklärt hat, seine Eigenart, aber er sieht ihn nicht isoliert von seiner – der «expressionistischen» Generation, nicht einer Zeit entrückt, deren Kämpfe und Konflikte Franz Kafkas Werk geprägt haben.

