Kurzbeschreibung
Vor uns entsteht ein völlig neuer Kafka: ein Gesellschaftskrieger, der unablässig um seine Beheimatung im Assimilationsprozeß ringt, der weiterhin in den ersten Jahren als überzeugter Beamter seiner Prager Behörde an der Verbesserung der Donaumonarchie intensiv mitgearbeitet hat, was in sämtlichen bisherigen Biografien nicht ins rechte Licht gestellt wurde. Es erscheint ein Liebender, dessen zahlreiche Affären hier zum ersten Mal zusammengestellt und überhaupt erst um die wichtigsten ergänzt werden, Liebesverhältnisse, die eben nicht ohne weiteres mit den Namen Felice und Milena erschöpfend benannt sind.
Bernd Neumanns umfassende Biografie berücksichtigt den letzten Stand der Kafka-Forschung ebenso wie die neuesten Erkenntnisse über Kafkas Leben und Sterben. Sie macht das Leben dieses Jahrhundertgenies anschaulich durch die Einblendung zahlreicher zeitgenössischer Stimmen, die die Umstände von Kafkas Existenz beleuchten und vor dem geistigen Auge des Lesers sinnlich konturieren.gleich gerät Prag als die städtische Matrix von Kafkas Werk ausführlich ins Bild bis hinein in die besondere Beziehung dieser Metropole zur »russischen Bedrohung«, bezeichnend für die Tage Franz Kafkas, eine besondere Bindung, die ihren Niederschlag im Werk gefunden hat bis zur Aufnahme von Gemälden russischer Realisten (N. Kramskoi) in beispielsweise Die Verwandlung, ein bislang unbekannter Tatbestand. Insgesamt wird in Neumanns Kafka-Biografie zum ersten Mal überhaupt eine Rekonstruktion der lebensgeschichtlichen und literarischen Zusammenhänge im Geiste des »New Historicism« vorgelegt, aus denen Kafkas Texte entstanden. Sie werden aus Kafkas wechselnden Lebensumständen ebenso verständlich gemacht, wie sie als literarische Codierung des mit aller Leidenschaft geführten Assimilationsdiskurses aus Kafkas Tagen dechiffriert erscheinen, der Franz Kafkas besonderes existentielles und literarisches Geschick im Sinn eines unentrinnbaren Eingeklemmtseins in die Aporien der Assimilation ausgemacht hat.