"Entmythisierung" ist kein ganz passender Titel. Was sind denn die populären Vorstellungen von Franz Joseph? Endlose Regentschaft, Muttersöhnchen, die große Liebe zu Sisi, viele harte Schicksalsschläge, spartanischer Lebensstil, militärisches Versagen, stoische Gelassenheit und unermüdlicher Pflichteifer buchstäblich bis zum letzten Atemzug. Dieses Allgemeinwissen wird von Dickinger nicht widerlegt, sondern bestätigt. Der Mythos liegt also gar nicht so sehr daneben. Ob rührselige Anekdoten wie die, der Sarg des Kaisers sei erst in die Kapuzingergruft gelangt, nachdem der Tote als "armer Sünder" bezeichnet wurde, nun stimmen oder nicht, finde ich weniger interessant, solche Histörchen gibt es ja über jeden Prominenten.
Trotzdem ein gutes Buch. Dickinger leistet eigentlich etwas anderes als eine Entmythisierung - er untersucht vielmehr, was das entscheidende Motiv von Franz Josephs Handeln war und was hinter seinen oft katastrophalen Fehlentscheidungen stand. Nach Dickingers Erkenntnis war es Franz Josephs unerschütterlicher Glaube an das Gottesgnadentum der Habsburger, ein Glaube, den man ihm als Kind eingetrichtert hatte und über dessen Horizont er nie hinausgesehen hat. Das "Haus" war wichtiger als alles andere, wichtiger als das eigene Glück und das der Familienangehörigen und erst als das der Bevölkerung. Um die "Ehre" des Hauses Habsburg zu bewahren, war Franz Joseph nichts zu teuer, selbst einen Weltkrieg hat er billigend in Kauf genommen. Es ist nahezu unglaublich zu lesen, wie der Mann mit über 80 noch unerschütterlich an das glaubt, was dem kleinen Jungen erzählt wurde - und wie ein Mensch, der soviele teils gewaltige Veränderungen miterlebt hat, sich selber von der Wiege bis zur Bahre praktisch gar nicht verändert. Das Buch hätte anders heißen sollen, z. B. "Franz Joseph und das Gottesgnadentum" oder "Der beschränkte Horizont" so ähnlich.
Es liest sich angenehm sachlich, Dickinger verzichtet glücklicherweise auf eine Grund-und-Boden-Verdammung, die ebenso falsch wäre wie Beweihräucherung. Und wie jeder echte Wissenschaftler ist er bescheiden - er maßt sich nicht an, in bezug auf Franz Joseph die einzige wahre Lehre zu vertreten, sondern bekennt, daß in der Geschichtswissenschaft keine objektiv meßbare Wahrheit existiert. Er beurteilt auch die bisherigen Biographien und anderen wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit Franz Joseph befassen, und ich finde, daß er mit den verschiedenen Autoren sehr gerecht verfährt.
Einziger echter Kritikpunkt: Dickinger bedauert, daß Franz Josephs Persönlichkeit bisher nicht umfassend von Psychologen untersucht wurde, aber darüber sollte man eher froh sein - die vorhandenen Ansätze lesen sich ziemlich peinlich und lassen kein Klischee aus. Dreimal dürfen Sie raten, wer an allem schuld ist! Genau - die dominante Mutter! Ging's nicht ein bißchen origineller?!