Jenny, Che?n eines Londoner Verlagshauses, verbringt mit ihrem neuen Geliebten Marc ein Wochenende in der Bretagne. Nach einem nicht ungefhrlichen Segelturn mit einem Bekannten, der Jenny sehr unheimlich vorkommt, verschwindet ihr Geliebter spurlos. Jenny kann nicht glauben, daá er sie so einfach sitzengelassen hat, und beginnt nach ihm zu suchen. Sie bittet einen New Yorker Privatdetektiv, dessen spektakulrste Flle sie in einem Buch verffentlicht hat, um Hilfe. Er arrangiert ein "zuflliges" Zusammentreffen mit Marc, doch vor Jenny steht ein ganz anderer Mann. Wer aber ist Jennys Geliebter wirklich?
Die Frau erschien wieder mit einem hageren dunkelhaarigen Mann, dem ein weißes Hemd aus der Hose hing, das am Hals noch nicht zugeknöpft war. »Du wollen Kaffee?« fragte die Frau in gebrochenem Englisch. Jenny schüttelte den Kopf. »Ich bin Polizist, Madame«, sagte er mit starkem Akzent, zog eine Dienstmarke aus der Hosentasche und hielt sie ihr hin. »Was wollen Sie?« »Ich muß jemanden als vermißt melden«, erklärte sie und bemühte sich, ruhig zu klingen. Er zeigte keinerlei Reaktion, als hätte er sie nicht verstanden. Also versuchte sie es mit ihrem Schulfranzösisch: »Un homme qui a disparu.« »Ihr Freund. Ja, ich weiß. Herve hat es mir gesagt.« Er klang ungeduldig. »Wann hat Herve Ihnen das denn gesagt?« fragte sie aufgebracht. »Er kam heute morgen Croissants holen.« »Ich. denke, sie haben sich geprügelt«, erklärte sie. »Er könnte verletzt sein.« Sie deutete einen Faustschlag gegen ihr Kinn an, damit er es kapierte. »Wenn Ihr Freund verletzt wäre, würde Herve ihn zu einem Doktor bringen. Worauf wollen Sie hinaus?« Sie überlegte einen Augenblick, wie das auf diesen Mann wirken mußte, der offensichtlich ein Freund von Herve war. Es gab keinerlei Beweise für eine tätliche Auseinandersetzung. »Aber weshalb sollte er einfach verschwunden sein? Das ergibt keinen Sinn.« »Das mit Ihrem Freund tut mir leid, Madame.« In seiner Stimme schwang Sarkasmus, und er guckte gelangweilt. »Vielleicht sollten Sie ihn einfach vergessen.« »Vielen Dank für den Ratschlag«, sagte sie spitz, stand auf und ging, die Tür hinter sich zuschlagend. Sie überquerte die Straße, um sich zu beruhigen und nachzudenken. Es wehte ein frischer Wind, und die Takelage der Boote im Hafen schlug laut gegen die Mäste, während das Sonnenlicht kalt auf dem Wasser glitzerte. Sie blickte zum Cafe zurück und bemerkte im Fenster die Reihen von Croissants, die so dick und goldgelb waren, daß sie das Gefühl hatte, sie von der anderen Straßenseite aus riechen und schmecken zu können, aber sie war zu stolz, dorthin zurückzukehren. Sie stieg statt dessen wieder ins Auto und kurvte langsam durch die verwinkelten Gassen von Paimpol. Bunt gestrichene Eingangstüren gingen direkt auf die engen Straßen hinaus, die vom Hafen wegführten; Läden mit geschlossenen Jalousien waren um einen kleinen Platz mit Kopfsteinpflaster gruppiert; Bars säumten das Ufer mit unter Markisen aufgestapelten Stühlen und Tischen; aber es war sonst nichts offen. Sie fand sich im Kreisverkehr wieder und überdachte die Möglichkeiten, die sie hatte. Soweit sie sich erinnern konnte, führte der dritte Abzweig zur Creperie und zu Herves Haus, also entschloß sie sich, noch einmal zu versuchen, ihre gestrige Fahrt zu wiederholen. Mit nach vorn gezogenen Schultern beugte sie sich vor, um durch die Windschutzscheibe etwas erkennen zu können. Da war eine stark gewölbte Brücke, und dann erinnerte sie sich, daß direkt dahinter eine scharfe Rechtskurve kam, beinahe eine Kehre. Und bald schon hielt sie am Randstreifen gegenüber der Creperie. Die Tür stand offen, und eine dunkelhaarige Frau mit Schürze fegte die grauen Steinstufen, die von der Straße hineinführten. Sie drehte sich nicht nach dem Wagen um, obgleich sie gehört haben mußte, daß er anhielt. Noch unschlüssig, versuchte Jenny, ihre Fragen auf französisch zu formulieren, merkte dann aber, wie verrückt sie sich anhören mußten. Diese Leute kannten Marc nicht. Wieso sollten sie eine Ahnung haben, was mit ihm passiert war? Sie ließ den Motor wieder an und fuhr ganz langsam den Weg hinunter, an dem sich links dichter Wald und rechts der sich erweiternde Meeresarm befanden. Heute war es wärmer, und die Sonne fiel stechend durch die Frontscheibe. Sie hielt das Lenkrad mit einer Hand und kramte in ihrer vollgestopften Handtasche herum, bis ihre Finger eine Sonnenbrille ertasteten. Sie war staubig, deshalb wischte sie sie vor dem Aufsetzen am Rock ab. Auf der linken Seite waren immer noch dunkle Bäume, dann aber folgte eine sanfte Kurve, und sie kam bei der kleinen Gruppe von Sommerhäusern heraus, die um den Jachtklub herum standen. Irgendwie mußte sie den Abzweig zu Herves Haus verpaßt haben. Sie fuhr den Hang weiter hinunter und wollte eigentlich auf dem Parkplatz des Jachtklubs wenden. Bevor sie jedoch dort angelangt war, sah sie zwei Männer zwischen den Autos stehen und erkannte Herves kahlen Kopf und sein buntes Halstuch. Der andere Mann hatte dunkle Haare und war größer als Herve, und für einen kurzen Augenblick dachte sie, daß es vielleicht Marc sein könnte. Sie hielt an, setzte die Sonnenbrille ab und guckte genau hin, die Figur stimmte jedoch nicht. Er war nicht groß genug, sah älter aus, und seine Haare waren schwärzer und länger. Sie schaute sich um, erspähte eine Gasse zwischen den Häusern und fuhr leise rückwärts hinein, um die beiden zu beobachten. Sogar aus dieser Entfernung war klar, daß sie sich stritten. Der größere Mann stieß Herve heftig gegen die Schulter und fuchtelte wütend mit den Armen. Sie öffnete das Fenster weit, konnte aber nur ganz schwaches Stimmgemurmel hören, das der Wind herübertrug. Herve hielt dagegen, schien aber eher eine Abwehrhaltung einzunehmen und hatte seine Hände tief in die Jackentaschen vergraben. Plötzlich drehte sich der größere Mann um, ging über den Parkplatz und öffnete eine Autotür. Herve schrie ihm offensichtlich etwas hinterher, dann schlug die Tür zu, und der Wagen fuhr mit Schwung auf die Straße hinaus. Es war eine silbergraue Mercedes-Limousine, stellte sie fest, und als er an der Gasse vorbeikam, in der sie parkte, musterte sie den Fahrer. Er hatte ein kräftiges Kinn, eine große Nase und lockiges schulterlanges schwarzes Haar, und er starrte stur geradeaus, als er Gas gab und davonraste. Sie schaute zurück zum Parkplatz, aber Herve war verschwunden, vermutlich in die Bar. Ohne groß darüber nachzudenken, ließ sie ihr Auto an und wendete, um dem Mercedes zu folgen, der inzwischen schnell um die erste Kurve verschwand.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.