Wer dachte, Tom würde seinen mit "Rain Dogs" 1985 eingeschlagenen Weg zurück zu eingängigeren Melodien und wieder freundlicher daherkommenden Balladen fortsetzen, der sah sich zwei Jahre später eines Besseren belehrt.
Bei uns im Dorf gab es "die alte Hanka", die man eigentlich nur zu Gesicht bekam, wenn sie mit einem Beutel unterwegs in den Getränkestützpunkt war, um Schnaps zu holen. Sie roch ziemlich streng, war eigentlich immer betrunken und sprach in häufig unverständlichen Lauten. Wir hatten als Kinder natürlich Angst vor ihr - und waren gleichzeitig fasziniert. "Franks wild years" von 1987 ist wie Hanka.
Die Platte basiert auf einem Bühnenprojekt von 1986, das Tom als "Un Operachi Romantico in two acts" in Chicago zur Aufführung brachte. Er selbst spielte die Hauptrolle des Frank, ein Faktotum, das auf "Swordfishtrombones" seine Geburt erlebte. Frank will weg aus seinem Kleinstadt-Kaff, fort in die große Stadt. Er scheitert und kehrt am Ende des Stückes und der Platte gebrochen zurück. Was bleibt, sind Träume.
Tom zieht es aus dem Studio auf die Bühne, hin zu neuen Formen (1986 ist auch der Beginn seiner Schauspiel-Karriere mit der Rolle eines DJ's in Jim Jarmuschs "
Down by Law"). "Franks wild years" ist ein Konzeptalbum, seine siebzehn Songs erzählen eine fortlaufende Geschichte. Musikalisch setzt er den Weg der beiden Vorgänger fort, wobei er deutlicher an die Gebrochenheit von "Swordfishtrombones" anknüpft als an die Eingängigkeit von "Rain Dogs". Es rumpelt, knirscht und wimmert stärker denn je in seinen Songs, die ein ums andere mal für Momente schlicht schief klingen, die mit der Dissonanz kokettieren. Das wirkt hin und wieder etwas "over the top", etwas zu absichtsvoll-planerisch provokant. Tom ist hier auf der Suche nach der musikalischen Sprache seiner kommenden Theater-Alben. Etwas möchte sich Ausdruck verschaffen, gelangt aber noch nicht ganz zur Abrundung.
Das gilt auch für seine Stimme, die hier ganz neue Grade der Schiefheit und des fiepigen Gekrächz erreicht. Hinzu kommt, dass er das Megafon für sich entdeckt hat - sodass ein Großteil der Lieder gesanglich dumpf klingen, als ob er unter einem Laken hervor oder durch den Hörer eines Telefons zu uns singt. "Temptation" ist in dieser Hinsicht sicherlich der aufregendste Song der Platte. Gefolgt von "I'll be gone" in das sich immer wieder ein krähender Hahn einmischt. Herkömmlichen Ansprüchen von Schönheit verwehren sich diese Songs. Was gut ist. Trotzdem hat man immer wieder das Gefühl, sie wären mit etwas weniger Sorgfalt bei ihrer De-Harmonisierung schlicht besser. Man spürt, dass hier sehr viel Perfektionismus bei der Erzeugung des Nicht-Perfektionistischen am Werk war. Das bringt leider "Franks wild years" in weiten Teilen eine gewisse Künstlichkeit ein.
Ein paar Songs ragen für mich qualitativ heraus: "Yesterday is here" ist toll gesungen und entwickelt mit Toms Western-Gitarre ganz viel Atmosphäre. "Way down in the hole" wird getragen von einem groovenden Gospel-Shuffle. Als Prediger ist Tom unschlagbar. "Telephone Call from Istanbul" hat eine bemerkenswerte Banjo-Begleitung. "Cold cold ground" ist der dramatischste Song, echte Seelenpein trifft auf ein wunderbares Akkordion. Und der "Train Song" mit seinem traurigen Horn ist unter den vielen Eisenbahn-Songs von Tom mit Abstand der herzzerreissenste. Großes Wehmuts-Kino!
Frank scheitert im Lauf der Platte. Für Tom und uns als Fans ist sie ein Aufbruch in neue Song-Welten. Tom hat offensichtlich wieder die Unruhe gepackt. In welcher Form wird der Phönix sich dieses Mal zeigen, nachdem er hinter sich alles in Flammen gesteckt hat?
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Dies ist der elfte Teil meines Annäherungsversuches an den Waitsschen Kanon. Zum Vorgänger gelangen Sie hier: "
Rain Dogs". Weiter geht es mit "
Big Time".