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Aber die vorliegende Frankenstein-Ausgabe ist etwas Besonderes. Im Rahmen seiner nach französischem Vorbild entstandenen "Visuellen Bibliothek" hat der Gerstenberg Verlag dem Roman nicht nur sehr schöne Illustrationen von Philippe Munch beigegeben, sondern den Text auch mit zahlreichen informativen Abbildungen und Erläuterungen ausgestattet. Eine breite Randspalte bietet im besten Sinne Wissenswertes über Mary Shelley und ihr Umfeld, erläutert zeitgenössische Details aus Kultur und Technik, löst Anspielungen auf und verleiht der Frankenstein-Lektüre so eine zusätzliche Ebene -- allerdings eben nicht auf eine akademisch trockene Art, sondern bunt, spielerisch und immer genau neben der jeweiligen Textstelle.
Die -- ungekürzte -- Übersetzung stammt von Karl Bruno und Gerd Leetz, folgt hierin der Insel-Ausgabe und kommt dem Ton des Originals äußerst nahe: eine (fadengeheftete!) Schmökerausgabe zum Blättern und sich immer wieder daran freuen! --Felix Darwin
Buch der 1000 Bücher
Frankenstein oder Der neue Prometheus
OT Frankenstein or: The Modern Prometheus OA 1818, erweitert 1831 DE 1912 Form Roman Epoche Romantik
Der Schauerroman um die Geschichte des Barons Frankenstein, der wie Prometheus, der Rebell des antiken Mythos, sich das Recht herausnimmt, selbst Leben zu schaffen, stellt eine Parabel über den wissenschaftlichen Sündenfall des Menschen dar: Wie allenfalls noch Bram R Stokers Roman über den Vampir Dracula wurde Shelleys Roman über die Schaffung eines künstlichen Menschen im Lauf von 200 Jahren durch zahlreiche literarische Nachahmungen und Verfilmungen zum Archetypus des Genres.
Entstehung: Die Autorin, ihr Geliebter Percy Bysshe Shelley, sein Freund Lord R Byron, Marys Halbschwester und Geliebte Byrons, Claire Clairmont, Byrons Leibarzt Polidori und der gemeinsame Freund Matthew Gregory Lewis (17751818), der Verfasser des Schauerroman Der Mönch (1796) verbrachten 1818 einen verregneten Sommer am Genfer See mit der Lektüre deutscher Schauergeschichten. In einem Wettstreit versuchten sich die Dichter anschließend selbst in dem Genre; das bedeutendste Resultat war Frankenstein, den die Verfasserin in nur sechs Wochen niederschrieb.
Inhalt: Der Roman erzählt von dem hoch begabten jungen Schweizer Naturwissenschaftler Viktor Frankenstein, der während seines Studiums an der Universität Ingolstadt die Idee entwickelt, das Geheimnis des Lebens zu ergründen und ein nicht länger von Krankheit und Tod gequältes Wesen zu erzeugen. Aus Leichenteilen stückelt er eine künstliche Kreatur zusammen und schenkt ihr das Leben; abgestoßen von der Hässlichkeit des von ihm selbst produzierten Geschöpfes, wendet er sich jedoch von ihm ab.
Die namenlose Kreatur durchwandert auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit die Welt, durchläuft dabei einen erstaunlichen Bildungsprozess, aber erfährt wegen ihres Furcht einflößenden Aussehens nur Ablehnung und Hass, wodurch sie sich allmählich in das Monster verwandelt, für dass sie alle halten. Schließlich sucht sie ihren Schöpfer auf und nötigt ihn, ihm eine Gefährtin zu schaffen. Zunächst willigt Frankenstein ein, aber im letzten Augenblick schreckt er vor seinem Vorhaben zurück und zerreißt die künstliche Eva vor den Augen seines Geschöpfes. Rasend vor Zorn tötet die Kreatur daraufhin Frankensteins Braut sowie dessen Vater und hetzt ihren Erzeuger durch die Welt, bis es im Eis der Arktis zum Entscheidungskampf kommt. Das Geschöpf tötet Frankenstein und treibt anschließend auf einer Eisscholle davon, entschlossen, sich auf einem Scheiterhaufen selbst zu richten.
Struktur: Dem Muster des Schauerromans folgend, besteht der Roman aus mehreren ineinander verschachtelten Erzählschichten: der Polarforscher Robert Walton berichtet in Briefen an seine Schwester von seiner Begegnung mit Frankenstein. Frankenstein erzählt seinem Retter seine Geschichte, in deren Zentrum wiederum die Autobiografie des Monstrums steht. Durch diesen erzählerischen Kunstgriff bleibt das Potenzial der Glaubwürdigkeit in allen Erzählschichten bestehen.
Im Zentrum des Romans steht die ergreifende autobiografische Leidensgeschichte der Kreatur, die zu einer anthropologischen und metaphysischen Parabel wird: Am Schicksal des künstlichen Menschen werden die biologischen Qualen, die existenziellen Ängste und religiösen Nöte des menschlichen Lebens in konzentrierter Form veranschaulicht der künstliche Mensch ist ein Doppelgänger des natürlichen Menschen. Dass im Lauf der Rezeptionsgeschichte der Name des Forschers auf seine Kreatur übergegangen ist, liegt durchaus im Wesen der Sache: in ihrer wechselseitigen Feindschaft nähern sich Schöpfer und Geschöpf bis zur Austauschbarkeit einander an.
Wirkung: Shelleys Roman hat das alte und im Zeitalter der Romantik etwa bei E.T.A. R Hoffmann (Der Sandmann, 1817) und Achim von R Arnim zu besonderem Interesse gelangte Thema der Erzeugung künstlichen Lebens aufgegriffen und daraus die bis heute gültige Schreckensparabel entwickelt, wonach sich das Geschöpf gegen seinen Schöpfer wendet und Tod und Verderben bringt. Unter den literarischen Nachfolgern verdienen vor allem der Roman Die Eva der Zukunft (1886) von Villiers de lIsle Adam und die Erzählung Moxons Herr und Meister (1893)von Ambrose R Bierce Erwähnung. Eine hohe Zahl von mehr oder minder eng am Text des Romans angelehnten Verfilmungen haben die Bedeutung von Shelleys Roman als Archetyp des Genres zementiert H. R. B. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.