Frankensteins Verfügungsgewalt
Neue Publikationen über den neuen Menschen
Ob's das gibt: Unverfügbares in einem radikalen Sinne des Wortes? Wissenschaftliche Rationalität wäre für den Sinn dieser Frage wohl taub, liesse sie als solche gar nicht erst aufkommen. In ihren Kategorien, dem Organon wissenschaftlichen Zugriffs, nicht erst in programmatischer Leitzielbestimmung und wissenschaftspolitischer Rabulistik, ist darüber schon entschieden, bevor auch nur der Verdacht keimen könnte, es gäbe etwas, das der Definitionsmacht ihres Realitätsprinzips nicht unterläge. Der biotechnisch-ökonomische Komplex schafft tatsächlich «Fakten», während rührige Intellektuelle um Zeit für abwägendes Urteil bitten, die nicht nur ihnen längst unter den Fingern zerrinnt.
«Das Lebendige und das Lebendigsein sind Themen, die in den letzten Jahren aktuell geworden sind, offenbar angesichts der Gefährdung, vielleicht Verdrängung des Lebendigen im Zeichen der umfassenden Transformation aller Lebenszusammenhänge durch Technik und Technologien.» Schon der erste Satz des klugen Buches von Elisabeth List lässt, trotz einer gewissen Unterkühltheit im sprachlichen Duktus, keinen Zweifel an der Dramatik des angezeigten Prozesses. Denn das «Neue» der «zeitgenössischen Technikentwicklung» ist nicht mehr der «technischen Aneignung» äusserer Natur geschuldet, sondern ihrem Ausgriff auf «Bereiche der kreatürlichen lebendigen Natur, einschliesslich des menschlichen Lebens».
Um das Verhältnis der «Technikwissenschaften» zum Lebendigen also ist es zu tun; um zuweilen kleinteilige Rekonstruktionsarbeit mithin, die verstehen lehrte, wie eine «Wissenschaftskultur» sich etablieren konnte, deren Wirklichkeitskonstruktion schliesslich ein Dispositiv des «Lebens» generiert, das seiner technischen, makroökonomischen Vernutzung zuarbeitet. So verweist die Autorin auf die ungebrochene Tradition des Cartesianismus noch in den biowissenschaftlichen Positionen des 20. Jahrhunderts, der Leben nur thematisiert, wenn es experimentell operationabel sei. Wider die «trügerische Sicherheit» des cartesianischen Subjekts setzt sie auf eine «Subjektivität vor dem Cogito»: auf spontane Selbstbewegung, Sensitivität, Responsivität.
Woher aber der Hang und dieses Verhängnis unbedingt gewisser Wissensproduktion komme? Elisabeth List verwendet ein Argument, das keineswegs neu, doch deshalb keineswegs schon überholt sein muss, wenn sie von «epistemischer Angst und Unsicherheit» spricht. Wissenschaft verheisst Gewissheit, Sekurität, Transparenz in unübersichtlichem Gelände; Handfestes eben: Fakten, Zahlenwerk und Formelsatz. Gegen die Fährnisse, Zumutungen und Zufälle leibhaftigen Existierens knüpft sich also der Knoten eines Szientismus, den List weniger zu zerschlagen denn Faden für Faden aufzubinden hofft.
Doch ob ihr das gelingt, bleibt zuletzt offen. Denn die Grenzen der Verfügbarkeit, auf die sie neben einer nur mehr appellativen Rhetorik der «Gelassenheit gegenüber Unsicherheiten», der «Hingabe», der «Demut» abhebt, markiert die Instanz des Körpers, der «subversive Leib». Womit die Autorin sich in das Umfeld einer Debatte begibt, deren erstaunliche Langlebigkeit nicht über ihre Zweifelhaftigkeit hinwegtäuschen sollte: Ob Leib und Körper als unhintergehbar Erstes fungieren und deshalb latent auch als «pièce de resistance» gegen den Mainstream aus Kapital und Information, wäre mehr als nur eine Frage wert. Die zum Beispiel, ob die Rede vom Lebendigen als dem materiellen Substrat (nicht nur) humanen Daseins ihre Unanfechtbarkeit nicht dadurch erkauft, dass sie verdrängt, «Rede» zu sein.
Um die Zukunft des Menschen im Zeitalter seiner genotypischen Manipulierbarkeit ist es auch Norbert Borrmann zu tun. Weniger indes in einem technikphilosophischen denn in einem kulturgeschichtlichen Duktus. «Frankenstein», Produzent jenes legendären Ungeheuers in Mary W. Shelleys 1818 erschienenem Roman, wird hier zu einer Art allegorischem Stellvertreter der gegenwärtigen Problemlage. «Die brennende Aktualität des Themas künstlicher Mensch, dessen Symbolfigur Frankenstein ist, wird heute gleich auf drei verschiedenen wissenschaftlichen Ebenen offenbar: in der virtuellen Realität, im Bereich Roboterwesen und in der Genforschung.»
Wobei der Autor die metaphorischen Ressourcen nicht nur dieser «Symbolfigur» beherzt ausplündert. Herausgekommen ist ein weit gespanntes Panorama, bei dem die Demarkation zwischen wissenschaftlicher Fiktion und Science-Fiction-Klamauk nicht immer ganz klar ist. Doch auch wenn das Gefühl, dass Norbert Borrmann sich in seinen recht wüsten Spekulationen heillos zu verrennen scheint, ein ständiger Begleiter bei der Lektüre seines Buches ist, bleibt festzuhalten, dass es, flott geschrieben, zuweilen den dezenten Grusel seines literarischen Vorbilds durchaus zu erreichen vermag.
Gruselig ist auch das letzte anzuzeigende Buch. Doch leider weniger dezent als haarsträubend. «Meinen Kopf auf deinen Hals» versammelt ebenso endlose wie überflüssige Gespräche, die Christian Jungblut mit dem amerikanischen Gehirnchirurgen Robert White führte, der von einer Transplantation menschlicher Köpfe auf Spenderkörper träumt. Die Urzelle dieser tumoresken Text-Wucherung war, erfährt der enervierte Leser aus dem Klappentext, eine Reportage Mr. Jungbluts von 1997 über besagten Dr. White. Und dabei hätte man es, bitte schön, auch bewenden lassen sollen.
Michael Mayer
Der Mensch ist "das künstliche Tier", die einzige Kreatur, die an sich selbst nicht genug finden kann. Aus dieser Prämisse stellt Norbert Borrmann in seinem Buch "Frankenstein und die Zukunft des künstlichen Menschen" einen Bezug her zwischen der ursprünglichen, kreativen Natur des Menschen und seiner fortschreitenden und immer umfangreicher werdenden Transzendenz zum "künstlichen Menschen". Um seine provokante Grundhypothese vom Menschen als dem noch nicht fertig gestellten Geschöpf mit eingebautem faustisch-prometheischem Wesen zu belegen, führt uns der Autor durch eine bunte Welt voller Golems, Zombies und Homunkuli. In einer Reihe von Kapiteln, die so unterschiedliche Aspekte des menschlichen Schaffens wie der magischen (Alchemie) und wissenschaftlichen Methoden (Robotik, Eugenik, Gentechnik, Bodystyling) zur Schaffung neuer "Lebensformen" einerseits sowie des Kunst-Schaffens und der Künstlichkeit des Menschen in den modernen Medien andererseits beschreiben, wird unser scheinbar unstillbares Verlangen nach Höherem dargestellt. Quasi als geistige Klammer zieht der Autor immer wieder die Geschichte von Mary Shelleys "Frankenstein" heran, der im Übrigen im Rahmen eines literarischen Streifzuges durch die Welt der Wissenschaftsutopien ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Damit liegt der Tenor des Buches freilich fest: Auf Grund seines ureigenen Wesens muss der Mensch Neues schaffen und sogar sich selbst transzendieren. Doch seine Schöpfungen hat er nicht immer im Griff. Oder wie Frankensteins Kreatur nicht nur bei Shelley sondern auch bei Borrmann mehrfach mahnt: "Du bist mein Schöpfer, doch ich bin dein Herr!" Von diesem umfangreichen, mit vielen Literaturangaben versehenen und interessanten Exkurs in die kulturgeschichtliche Dimension des Themas "Frankenstein" ausgehend, wagt der Autor nun einen Blick in die Gegenwart und die Zukunft des Menschen. Er diskutiert zunächst die zunehmende Abhängigkeit des Menschen von seiner Schöpfung Computer und weist auf Trends wachsender Künstlichkeit in unserem Alltag hin. Im Epilog münden dann die vorgestellten Daten, Ideen und Spekulationen in einer Prognose über den "Homo futurus", seine Welt, seine Stärken und seine Schwächen. Wir werden sehen, ob der Autor hierbei Recht behält ... Fragwürdig bleibt Borrmanns Grundhypothese vom faustisch-prometheischen Wesen des Menschen, da fast alle angeführten mythischen, kulturellen und wissenschaftlichen Fallbeispiele dem europäischen, anglo-amerikanischen oder mediterranen Kulturraum entstammen. Mithin lässt sich also aus dieser Faktenlage nicht entnehmen, ob in der Tat "der Mensch als solcher" oder aber vielmehr der europäisch-mediterran geprägte Mensch das wahrhaft-wahnhaft "künstliche Tier" ist. Fazit: Trotz Schwächen in der Beweislage der Grundhypothese ein provokantes und durchaus lesenswertes Buch über die Antriebe, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschen und Gesellschaften unserer High-Tech-Welt. Rezensent: Rüdiger Rudolf